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Nein ist ein ganzer Satz

V6

Ich hab gelernt, mich zu erklären, noch bevor jemand danach fragt. Hab mein Nein hübsch eingepackt, damit es bloß niemandem weh tut. Tut mir leid. Heute geht es leider nicht. Eigentlich würde ich wirklich gerne. Vielleicht ein anderes Mal. Ich hoffe, du verstehst das. Warum eigentlich? Nein. Da fehlt nichts. Kein „weil“. Kein „aber“. Keine Fußnote. Nein ist ein ganzer Satz. Ich muss ihn nicht begründen, nicht freundlicher formulieren, nicht mit einem Lächeln entschärfen, damit du ihn akzeptieren kannst. Nein ist ein ganzer Satz. Und wenn dich mein Nein enttäuscht, heißt das nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe. Vielleicht warst du nur daran gewöhnt, dass mein Ja leichter zu bekommen war. Ich sagte Ja, wenn ich Nein dachte. Blieb, wenn ich gehen wollte. Half, obwohl ich längst keine Kraft mehr hatte. Und nannte es Rücksicht. Komisch. Rücksicht auf wen? Im Büro heißt es: Chefin, kannst du mal? Da ist ein Problem. Der Kunde wartet. Jemand ist krank. Kannst du das übernehmen? Kannst du das klären? Kannst du entscheiden? Und natürlich kann ich. Ich bin die Chefin. Am Ende trage ich die Verantwortung. Aber Verantwortung heißt nicht, dass jede Aufgabe meine ist. Dass jedes Problem auf meinem Schreibtisch wohnen darf. Dass aus jedem „Wir müssten mal“ automatisch „Du machst das“ wird. Nein. Das könnt ihr selbst klären. Nein. Das hat bis morgen Zeit. Nein. Heute nicht. Und manchmal sogar: Nein. Machen wir gar nicht. Dann Familie. Kannst du noch schnell? Kannst du dich kümmern? Kannst du anrufen? Kannst du fahren? Kannst du organisieren? Du kannst das doch so gut. Ja. Vielleicht ist genau das mein Problem. Ich kann ziemlich viel. Das bedeutet nicht, dass ich alles machen muss. Ich habe Grenzen verschoben, damit andere sich nicht eingeengt fühlen, und irgendwann stand ich selbst außerhalb meines eigenen Lebens. Nein. Siehst du? Die Welt dreht sich noch. Die Firma steht noch. Der Kunde lebt. Die Familie auch. Kein Blitz. Keine Sirene. Keine Katastrophe. Nur ein Mensch, der heute einmal nicht über sich selbst hinweggeht. Nein ist ein ganzer Satz. Nicht gegen dich. Für mich. Und vielleicht bist du sauer. Vielleicht enttäuscht. Vielleicht erzählst du anderen, ich hätte mich verändert. Stimmt. Hoffentlich. Denn jedes Nein, das ich heute ehrlich sage, erspart mir ein Ja, für das ich mich morgen hasse. Nein zu Erwartungen, die nie meine waren. Nein zu Schuld, die mir jemand vor die Füße legt. Nein zu „Du könntest doch wenigstens“. Nein zu „Du bist doch die Chefin“. Nein zu „Wir sind doch Familie“. Nein zu „Nur dieses eine Mal“. Und ganz besonders: Nein zu dem Gedanken, dass ich ein schlechter Mensch bin, nur weil ich nicht mehr für jeden verfügbar bin. Ich darf Nein sagen und dich trotzdem mögen. Ich darf Nein sagen und trotzdem für dich da sein. Ich darf Chefin sein, ohne alles selbst zu tragen. Ich darf Nein sagen, ohne einen besseren Grund zu haben als: Ich will nicht. Nein ist ein ganzer Satz. Zwei Buchstaben. Keine Rechtfertigung. Keine Entschuldigung. Keine Verhandlung. Nein. Und wenn sich das am Anfang ungewohnt hart anhört, liegt es vielleicht nicht daran, dass mein Nein zu hart ist. Vielleicht war mein Ja nur viel zu lange zu billig.