
Zwei von uns
LESTAT Willkommen in der Nacht, mein Freund, wo niemand fragt, wer du heut bist. Die Sonne meidest du mit Stil, weil sie nun einmal tödlich ist. Du schläfst am Tag, du gehst bei Nacht, du hast die Dunkelheit entfacht. Du hörst viel besser, siehst viel mehr – und plötzlich ist das Leben leicht, nicht schwer. LOUIS Ich lerne noch, was ich jetzt bin, ich weiß noch nicht, wohin ich will. Doch wenn du sagst, es sei normal, dann glaub ich dir – ein jedes Mal. LESTAT Dann hör gut zu, denn Regel eins: Du bist nun stärker als du meinst. Regel zwei: Verlier nie deinen Mut. Und Regel drei— LOUIS Was? LESTAT —das Leben schmeckt gut. LOUIS Das klingt zu einfach. LESTAT Ist es auch. LESTAT Du brauchst kein Herz aus Stein dafür, du brauchst nur etwas Appetit. Die Menschen schlafen, Tiere fliehen, du musst nur lernen, sie zu sehen. LOUIS Ich kann nicht nehmen, was mir nicht gehört. LESTAT Dann nimm, was dir die Nacht gewährt. Ein Tier wird deinen Hunger stillen, und niemand muss dafür bezahlen. LOUIS Dann nehme ich ein Tier. LESTAT Natürlich. DUETT LESTAT: Zwei von uns, allein bei Nacht, zwei von uns, die weiterwachen. LOUIS: Zwei von uns, doch einer fragt— LESTAT: Warum denn fragen, wenn man lebt? LOUIS: Ich weiß nicht, ob ich das hier kann. LESTAT: Du kannst viel mehr, als du noch glaubst. BEIDE: Zwei von uns, zwei Schatten im Licht, du folgst mir – und ich verlasse dich nicht. LOUIS Ich sehe Menschen auf der Straße, sie lachen, lieben, gehen heim. Sie wissen nichts von dem, was wir sind, und irgendwie will ich noch einer sein. LESTAT Du denkst zu viel. LOUIS Vielleicht. LESTAT Du fühlst zu viel. LOUIS Vielleicht. LESTAT Dann lass mich für uns beide denken. LOUIS Und wenn ich nicht mehr kann? LESTAT Dann bleibst du bei mir. [Die Musik wird dunkler.] LESTAT Du hast mich nie gefragt, woher ich all das weiß. Du hast mir nie misstraut, du nahmst mich beim Wort. Du hast mir nie die Wahrheit aus der Kehle gezogen. Du hast nur zugehört und bist mir weiter gefolgt. LOUIS Weil ich dir vertraute. LESTAT Genau. LESTAT Doch Tiere reichen nicht für immer, das weißt du selbst. Du wirst noch lernen, was dein Hunger wirklich will. LOUIS Nein. LESTAT Du musst es irgendwann verstehen. LOUIS Ich kann es nicht. LESTAT Dann werde ich es dir zeigen. REFRAIN — DUETT LOUIS: Zwei von uns, doch ich weiß nicht mehr, wer ich bin. LESTAT: Zwei von uns, und ich weiß längst, wo du hingehörst. LOUIS: Du sagst, ich soll dir vertrauen. LESTAT: Weil du mir vertrauen kannst. LOUIS: Du sagst, ich soll es versuchen. LESTAT: Weil du es lernen musst. BEIDE: Zwei von uns – doch einer kennt den Weg. Zwei von uns – und einer führt, der andere geht. LOUIS Warum zwingst du mich? LESTAT Weil du mich sonst verlässt. [Stille.] LOUIS Was? LESTAT Du willst zurück zu ihnen. Zu deinem alten Leben. Zu deiner Menschlichkeit. Ich sehe es in deinen Augen. LOUIS Ich will niemandem wehtun. LESTAT Dann tu es für mich. LOUIS Nein. LESTAT Louis. [Eine einzelne tiefe Orgelnote.] LESTAT Nur einmal. LOUIS Ich kann nicht. LESTAT Doch. LOUIS Nein. LESTAT Du wirst. [Die Musik baut sich langsam auf.] LOUIS Ich wollte dir glauben, ich wollte dich verstehn. Ich dachte, wir zwei würden durch diese Nächte gehn. Doch jetzt seh ich zum ersten Mal nicht mich in deinem Blick. Du willst mich nicht verstehen – du willst mich nur zurück. LESTAT Ich will dich nicht verlieren. LOUIS Dann lass mich gehen. LESTAT Niemals. LESTAT Du bist einer von uns. Du bleibst einer von uns. Kein Morgen nimmt dich fort von mir, kein Weg führt dich zurück. BEIDE Zwei von uns. Zwei von uns. Zwei Leben, die sich nicht mehr trennen. LOUIS Was hast du getan? LESTAT Ich habe dir gezeigt, dass du nicht allein bist. LOUIS Wer ist sie? LESTAT Nur jemand, der bleiben wird. [Lestat führt Louis zu der Frau. Die Musik wird vollkommen still.] LOUIS Nein— LESTAT Vertrau mir. [Pause.] LOUIS Ich kann nicht. LESTAT Doch. [Ein einzelner Schlag.] CHOR — LEISE Zwei von uns… zwei von uns… LOUIS Was habe ich getan? LESTAT Jetzt sind wir drei. [Ein leiser, kindlicher musikalischer Ton erklingt zum ersten Mal.] LOUIS Drei? [Blackout.]

