
Ich liebe dich im Club
Ich steh im Club an der Bar, direkt neben der Zapfanlage, und merk plötzlich: So eng kann so eine Nacht werden, wenn man zu lang an derselben Stelle hängt. Der Bass drückt mir in die Rippen, der Zapfhahn klackert im Halter, einer rempelt mich an der Schulter, und mein Bauch macht so ein kurzes, hartes Ziehen, als hätt ich zu schnell was Eiskaltes runter. Gläser stoßen aneinander, Schaum kippt über den Rand, und du lehnst am Rand der Tanzfläche, als wärst du das Einzige im Raum, das mich nicht dauernd schubst. Zwischen uns ein halb volles Glas mit Eis, schon längst lauwarm, und ich such seit Minuten nach ’nem Satz, der nicht klingt, als hätte ich ihn mir auf dem Klo zurechtgelegt. Aber je länger du mich ansiehst, desto mehr geht mein Körper auf halbe Kraft. Der Kiefer fest, der Nacken hart, ich schlucke zu oft, zu trocken, und ich dreh am Glas, bis mir die Fingerkuppen taub werden und die Flasche in meiner Hand ganz schmierig ist. Ich schau zu dir, schau weg, schau wieder hin, und jedes Mal ist da dieses kleine Stolpern im Brustkorb, als müsste ich erst neu sortieren, wo ich mit den Händen hin soll und wie man atmet, ohne dass es auffällt. Kurz ist alles um mich herum nur noch ein weicher, farbiger Schleier, die Geräusche verschwimmen zu einem einzigen Summen, und ich bin für einen Moment ganz woanders, fast weg. Als könnte ich mich daran festhalten, ohne gleich zu viel von mir rauszugeben. Deine Jacke hängt über dem Hocker, auf dem Tresen klebt ein nasser Ring, jemand brüllt nach Nachschub, und trotzdem zieht dieser ganze Kleinkram an mir vorbei, als müsste ich die Schultern noch schmaler machen, nur um überhaupt bis zu dir rüberzukommen. Und jeder Schritt fühlt sich an, als würde mir der Magen einmal zu tief rutschen, der Atem kurz hängen bleiben, das Herz zu schnell gegen die Brust schlagen, und ich gleich was Falsches sage und alles damit gegen die Wand fahre. Ich seh dich an, verlier dich wieder aus den Augen, find dich im nächsten Lichtblitz neu, und genau da wird’s schlimmer, dieses Hin und Her, als würd mein Kopf dauernd nachziehen und mein Körper schon vorauslaufen. Ich halt mein Handy noch in der Hand, aber nicht mehr, weil ich nach Luft such — eher, weil ich mich an was Festes klammern muss, bevor ich zu dir rübergeh. Mein Daumen sitzt auf dem Display, als könnte ich mich noch entscheiden, wieder rauszugehen, wieder irgendwem zu schreiben, wieder so tun, als wär ich nur zufällig hier. Keiner guckt richtig hin, alle reden gleichzeitig, einer dreht den Song wieder hoch, und genau deshalb merk ich, wie laut mein eigenes Zögern ist. Ich will mich bewegen, aber ich will auch nichts sagen, das mich verrät. Will kurz verschwinden und im selben Atemzug genau da bleiben, wo du mich sehen kannst. Ich denk an die Tür vom Club, die dauernd auf und zu geht, an den Stempel auf meinem Handrücken, an deine Finger, die vorhin kurz meinen Ärmel streifen, und daran, wie ich seit Wochen so tu, als hätt ich das hier alles im Griff. Dabei merk ich seit Wochen eher, wie schnell mich jemand lesen kann: wie flach ich atme, wie meine Hände in den Pausen feucht werden, wie mein Fuß unterm Tresen nicht stillhält, wie mein Magen bei jedem Blick von dir einmal umkippt. Und gerade zwischen diesen Blicken, wenn du kurz woanders hinguckst und dann wieder zu mir, wird’s in mir erst richtig laut, als würd alles, was ich zusammenhalte, in den kleinen Pausen dazwischen gegeneinander schlagen. Aber heute Nacht gibt’s nichts mehr zu sortieren, nichts zu erklären, nichts für später hübsch zu machen. Ich muss nur sagen, was seit Stunden in mir rumläuft, ohne Ausrede, ohne Umweg, mitten in diesem ganzen Lärm. Und selbst das krieg ich nur halb gerade raus, weil ich dauernd damit rechne, dass dir mein Zittern auffällt und du gleich wegschaust. Ich will dich. Nicht geschniegelt, nicht groß, eher wie ein Satz, der sich festhakt und nicht mehr weggeht, egal wie oft man wegblinzelt. Ich liebe dich im Club, zwischen den Leuten, dem warmen Bier und dem Dröhnen aus den Boxen, und es fühlt sich an, als würd genau dieser Raum alles festhalten, was ich sonst dauernd wegdrück. Draußen steht ein Taxi vor der Tür, drinnen ruft jemand nach Eis, irgendwo fällt ein Glas zu Boden, aber hier bleiben nur du, die Theke, mein flacher Atem und der Mut, den ich mir heute nicht mehr wegtrinke.


