Song Cover Image

Die, die keiner sieht

+ Show full styles
V6

[Strophe 1] Morgens kurz nach sieben steht sie draußen vor dem Haus, zieht den alten Mantel enger, holt die erste Zeitung aus dem Kiosk raus. An der Ampel drängen Menschen, jeder weiß, wohin er muss. Sie bleibt einen Moment noch stehen und wartet auf den nächsten Bus. Keiner kennt ihren Namen, keiner fragt, wie’s gestern war. Nur der Bäcker an der Ecke sagt seit Jahren: „Bis morgen, Clara.“ [Refrain] Es gibt so viele, die wir übersehen, wenn wir durch unsere Tage gehen. Ein kurzes Lächeln, ein „Wie geht’s dir?“ kostet nichts – und bleibt vielleicht dafür. Denn hinter jedem fremden Gesicht liegt ein Leben, das man von außen nicht sieht. Und manchmal braucht es gar nicht viel: nur einen Menschen, der kurz stehen blieb. [Strophe 2] Auf der Bank vorm alten Bahnhof sitzt ein Mann um kurz nach drei. Neben ihm ein kleiner Koffer, doch kein Zug fährt heut für ihn vorbei. Früher fuhr er jeden Sommer mit seiner Frau ans Meer hinaus. Seit sie fehlt, fährt er zum Bahnhof, denn dort hält er’s besser aus. Manchmal schaut er auf die Gleise, manchmal einfach nur ins Licht. Hundert Menschen gehen vorüber. Neunundneunzig sehen ihn nicht. [Refrain] Es gibt so viele, die wir übersehen, wenn wir durch unsere Tage gehen. Ein kurzes Lächeln, ein „Wie geht’s dir?“ kostet nichts – und bleibt vielleicht dafür. Denn hinter jedem fremden Gesicht liegt ein Leben, das man von außen nicht sieht. Und manchmal braucht es gar nicht viel: nur einen Menschen, der kurz stehen blieb. [Strophe 3] Abends räumt die junge Kellnerin die letzten Tassen weg. Ihre Füße tun ihr weh, doch sie lächelt trotzdem nett. Zu Hause wartet niemand, nur das Radio nebenan. Und sie lässt es etwas lauter, damit sie Stimmen hören kann. Heute hat ein Gast beim Gehen sich noch einmal umgedreht und gesagt: „Danke für den Abend.“ Sie hat lange nachgesehen. [Bridge] Wir tragen alle unsre Geschichten, manche laut und manche still. Und du weißt nie, was ein Mensch gerade irgendwie schaffen will. Deine kleine Geste ist für dich morgen längst vorbei. Für den anderen war sie etwas, das noch blieb um halb drei. [Letzter Refrain] Es gibt so viele, die wir übersehen, wenn wir durch unsere Tage gehen. Heb einmal den Blick und schau dich um, manche Herzen bleiben viel zu lange stumm. Denn hinter jedem fremden Gesicht liegt ein Leben, das man von außen nicht sieht. Und manchmal braucht es gar nicht viel: ein bisschen Zeit, ein freundliches Wort – und jemanden, der stehen blieb. [Outro] Morgen kurz nach sieben wird die Stadt schon wieder laut. Und irgendwo sagt einer: „Guten Morgen.“ Und jemand schaut auf.