Auf der Psychiatrie – und auch draußen im Alltag, wenn man wirklich hinhört – begegnet man vielen Geschichten von ungehörten Menschen. Es sind Geschichten, die schon im Kleinen anfangen, beim Angrabschen, bei obszönen Sprüchen oder beim Nachstellen, und die bis zu schwerer körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt reichen. Doch fast immer besteht der Schmerz nicht nur aus der Tat selbst. Mindestens genauso schwer wiegt das, was danach kommt: das Leid nach dem Leid. Denn ein schwerer Schlag verschwindet nicht einfach, nur weil der Tag vorbei ist. Während die Person, die den Schaden angerichtet hat, draußen oft ruhig, gefasst oder gar als strammer Saubermann auftritt, als wäre nichts gewesen, und einfach weiterlebt, bleibt das Opfer mit den Trümmern zurück. Und genau dort beginnt oft eine bittere Verdrehung. Wer tief verletzt wurde, funktioniert nicht mehr einfach normal. Der Druck und die Angst suchen sich ein Ventil – oft gerade dort, wo eigentlich Nähe oder Ruhe sein sollte. Manche richten die Wucht gegen sich selbst. Andere schreien, wehren sich in ihrer Verzweiflung an der falschen Stelle, werden maßlos oder verlieren komplett den Boden unter den Füßen. Und plötzlich dreht sich für die Außenwelt das Bild: Nicht mehr die ursprüngliche Tat steht im Raum, sondern nur noch das schwierige, laute oder „verrückte“ Verhalten des Opfers. Ganz früher hätte man gesagt: „Hysterisch.“ Das Wort ist zum Glück verschwunden – doch das Muster dahinter lebt weiter. Die Psychiatrie ist für mich ein Spiegel der Gesellschaft: Auch heute sitzt am Ende oft der verletzte Mensch auf der Station, während die Person, die das Leid ausgelöst hat, als die Vernünftige dasteht. Und genau hier liegt die größte Schwierigkeit: Wenn ein Mensch durch den Schmerz erst einmal völlig durch den Wind ist, wirr redet oder aus der Haut fährt, fällt es allen unglaublich schwer, ihn noch ernst zu nehmen. Schnell landet dann alles, was dieser Mensch erzählt, in derselben Schublade wie seine Diagnose – als wäre auch das erlittene Unrecht bloß ein Symptom im Kopf. Manchmal frisst sich dieses ungehörte Leid so tief ein, dass Betroffene im blinden Schmerz selbst um sich schlagen und genau diejenigen wegstoßen, die ihnen eigentlich nahestehen. Und schon fühlen sich alle bestätigt, die mit dem Finger auf sie zeigen. Es ist ein Teufelskreis, den niemand verdient hat – und aus dem man allein kaum noch herausfindet. Wenn man solchen Geschichten immer wieder begegnet, steht man irgendwann vor einer tiefen Ohnmacht. Man kann die Vergangenheit eines anderen Menschen nicht ungeschehen machen. Man kann auch niemanden über seinen Kopf hinweg „retten“ – denn ob und wann ein Schritt nach außen oder zum Rechtsstaat gegangen wird, muss immer die Entscheidung des Opfers bleiben, sonst nimmt man ihm zum zweiten Mal die Selbstbestimmung. Aus meiner Ohnmacht heraus habe ich Uf a nand luaga entwickelt und teilweise kommuniziert. Denn das Leid nach dem Leid ist kein privates Pech. So wichtig und lebensrettend die Hilfe auf einer psychiatrischen Station im Akutfall auch ist: Sie darf nicht die Endstation sein, auf die wir als Gesellschaft alles abwälzen. Eine Gesellschaft, die erst dann reagiert, wenn ein gebrochener Mensch in der Klinik sitzt, kommt viel zu spät. Es fängt viel früher an – und es gäbe so viel Konkretes zu tun: Zivilcourage ehren und bestärken: mit klaren Kampagnen und Botschaften im öffentlichen Raum wie „Hinschauen hilft!“, „Jeder Mensch verdient Schutz!“ oder „Das könnte dein Kind gewesen sein!“ – statt wegzuschauen oder Übergriffe als „normal“ abzutun. Alle in Selbst- und Fremdverteidigung bestärken – so, wie es etwa Ujamaa Africa eindrucksvoll vormacht. Echte Werte- und Sozialbildung und der unmissverständliche Grundsatz „Nur ein Ja ist ein Ja“, damit Respekt vor der Grenze und der Würde des anderen keine Floskel bleibt. Eine feste traumasensible Psychologin als Ansprechperson mit klarer Vollmacht: Sie begleitet Betroffene auf Wunsch zu Terminen, kommuniziert mit Behörden und Stellen und kann – mit schriftlicher, jederzeit widerrufbarer Vollmacht – Auskünfte einholen und Unterlagen einsehen, soweit rechtlich zulässig. Es geht um größtmögliche Entlastung. Expertengruppen für Prävention, Erstaufnahme nach einem Übergriff und Justiz bilden: damit Betroffene beim ersten Schritt aufgefangen werden und die verschiedenen Stellen Hand in Hand arbeiten, statt aneinander vorbei. Milde gegenüber den Betroffenen: hinter dem Lärm, der Wut oder der Verzweiflung eines verletzten Menschen noch die Ursache erkennen, statt ihn vorschnell abzustempeln – und vieles mehr. Diese Menschen haben es nicht verdient, mit den Trümmern allein gelassen zu werden. Wann fangen wir als Mitmenschen an, wirklich hinzuschauen – bevor das Leid nach dem Leid beginnt?