
Sie trug den Sommer in ihrem Haar, die Welt war hell, der Himmel klar. Sie glaubte an das Gute hier, an große Worte, an das Wir. Doch eine Nacht nahm ihr das Licht, und niemand sah ihr ins Gesicht. Die Götter schwiegen, sahen zu, und ließen ihr die Schuld dazu. Wo früher ihre Träume war’n, da wuchsen Schlangen in ihr Haar. Man sprach von Fluch und dunkler Macht, doch niemand von der einen Nacht. Sie floh ans Ende dieser Welt, wo keine Stimme Fragen stellt. Und wer sich ihrem Blick gestellt, erstarrte still in seiner Welt. Medusa, Medusa, schau mir in die Augen rein. Ist es wirklich nur dein Blick, der uns verwandelt in Stein? Medusa, Medusa, vielleicht liegt die Wahrheit hier: Wir fürchten nicht die Schlangen, wir fürchten uns selbst in dir. Vielleicht war sie kein Ungeheuer, vielleicht war sie uns viel zu nah. Vielleicht sah jeder in den Augen, was tief in ihm verborgen war. Ein Spiegel ohne jedes Wort, man schaut hinein und möchte fort. Denn wer die eigne Wahrheit sieht, versteht, warum er vor ihr flieht. Medusa, Medusa, schau mir in die Augen rein. Ist es wirklich nur dein Blick, der uns verwandelt in Stein? Medusa, Medusa, vielleicht liegt die Wahrheit hier: Wir fürchten nicht die Schlangen, wir fürchten uns selbst in dir. Wie viele werden heute noch für fremde Fehler angeklagt? Wie oft wird eine Stimme laut, die niemals nach der Wahrheit fragt? Man nennt sie kalt, man nennt sie hart, wenn sie sich vor der Welt verwahrt. Und wer sich endlich einmal wehrt, wird selbst zur größten Angst erklärt. Ein Blick, ein Spiegel, eine Nacht, die aus dem Menschen Mythen macht. Die Wahrheit trägt kein Schlangenkleid, sie lebt in unserer Eitelkeit. Und manchmal ist der größte Fluch, dass man die Schuld beim andern sucht. Medusa, Medusa, schau mir in die Augen rein. Vielleicht ist es nicht dein Blick, vielleicht ist es längst meiner allein. Medusa, Medusa, wie viel Wahrheit halten wir aus? Wer sich selbst nicht sehen kann, hält deinen Blick nicht aus. Dann kam Perseus durch die Nacht, den blanken Schild vor sich gebracht. Er sah sie nur im Spiegelbild, das Schwert erhoben, kalt und still. Er sah den Fluch, er sah die Macht, doch nicht die Frau aus jener Nacht. Und aus dem Blut, das niederfiel, stieg Pegasus zum Himmel auf. Medusa, Medusa, schau mir in die Augen rein. Wer war hier wirklich das Monster, wer machte wen zu Stein? Medusa, Medusa, dein Spiegel bleibt für alle Zeit. Vielleicht beginnt die Wahrheit dort, wo man den eignen Blick nicht scheut. Und wenn wir wieder Steine werfen, auf alles, was uns fremd erscheint, dann sollten wir zuerst erkennen, was unser eigner Spiegel meint. Medusa, Medusa, dein Blick war nie die ganze Wahrheit. Vielleicht war nicht dein Fluch das Grauen, sondern unsere Angst vor Klarheit.

