
Sommernacht Poesie Ep. 6. Das Rad
[Strophe I] Unter Blättern, unter Halmen, wo kein Stern mich richtig sieht, trage ich mein kleines Leben durch ein nächtliches Gebiet. Tau liegt schwer auf meinem Rücken, Erde klebt an meinem Kleid. Jeder Schritt ist eine Pflicht, und jede Pflicht frisst meine Zeit. Über mir die großen Wesen, fern und warm im Sommergras. Sie hören Frösche, Wind und Sterne, doch nicht, wie ich mich selbst vergaß. [Pre-Chorus] Ich schiebe, schleppe, falle, stehe, immer weiter, immerfort. Doch wenn ich laufe, nur um zu laufen — komm ich dann jemals an einen Ort? [Refrain] Wer hat mich in das Rad gesetzt? Wer hat den Kreis in Staub gezeichnet? War es die Welt, die mich bewegt, oder hab ich selbst gereicht? Ich funktionier, ich fall nicht auf, ich halte still, ich trag mein Los. Doch wenn nur Leistung Leben ist — warum bleibt dann mein Herz so bloß? Wer hat mich in das Rad gesetzt? Vielleicht war ich es selbst zuletzt. [Strophe II] Manchmal träum ich: Ich wär Mensch, mit weichen Händen, großem Blick. Ich ginge aufrecht durch die Straßen und fände mühelos mein Glück. Ich hätte Namen, Türen, Spiegel, einen Stuhl an einem Tisch. Und niemand würde mich zertreten, nur weil ich anders bin als ich. Doch dann seh ich helle Fenster, Menschen hinter Glas und Licht. Auch sie laufen, auch sie tragen, nur ihr Käfig zeigt sich nicht. [Pre-Chorus II] Sie nennen es Beruf und Ordnung, Zukunft, Pflicht und Lebenslauf. Doch auch ihr Rad dreht sich im Stillen — nur fällt es keinem von ihnen auf. [Refrain] Wer hat mich in das Rad gesetzt? Wer hat den Kreis in Staub gezeichnet? War es die Welt, die mich bewegt, oder hab ich selbst gereicht? Ich funktionier, ich fall nicht auf, ich halte still, ich trag mein Los. Doch wenn nur Leistung Leben ist — warum bleibt dann mein Herz so bloß? Wer hat mich in das Rad gesetzt? Vielleicht war ich es selbst zuletzt. [Bridge] Ein Mensch zu sein, ein Käfer sein — vielleicht ist das nur andre Haut. Der eine kriecht durch feuchtes Gras, der andre durch sein Tagesgrau. Der eine fürchtet Schuh und Schnabel, der andre Uhr und fremden Blick. Der eine trägt ein Blatt nach Hause, der andre trägt sich selbst zurück. Und jeder hofft, wenn Nacht ihn deckt, dass niemand seine Schwäche schmeckt. [Strophe III] Da fällt ein Stern durch schwarze Zweige, kurz nur, wie ein fremdes Wort. Für einen Atemzug wird alles mehr als Arbeit, Weg und Ort. Ich bleibe stehen zwischen Halmen, zum ersten Mal seit langer Zeit. Und höre, wie die Sommernacht auch mir ein kleines Lied verleiht. Vielleicht muss ich nicht höher steigen. Vielleicht muss ich nicht größer sein. Vielleicht beginnt ein freies Leben mit einem einzigen eignen Nein. [Final-Refrain] Ich steige aus dem Rad heraus, auch wenn der Kreis mich wiederfindet. Ich leg die Last ins nasse Gras, bevor der Morgen mich verschlingt. Ich funktionier nicht mehr für immer, ich laufe nicht nur, weil ich muss. Und wenn die Welt mich Käfer nennt, dann sei mein Panzer mein Entschluss. Wer hat mich in das Rad gesetzt? Vielleicht war ich es selbst zuletzt. Doch wenn ich selbst den Kreis begann, fang ich auch selbst ein Ende an. [Outro] Unter Blättern, unter Halmen, wird es langsam still im Gras. Ein Käfer hebt den Kopf zum Himmel — und ist für einen Augenblick mehr als das, was man in ihm sah.

