
Bevor es kippt
Die Tasse kippt, ich fang sie auf und steh danach noch einen Moment am Küchenrand, als könnte ich an der Wärme im Porzellan erkennen, ob der Tag heut friedlich wird. Der Flur ist grau vom Staub auf den Bildern, der Rahmen über der Kommode hängt schief, und dein Name steckt mir irgendwo im Hals, nicht laut, eher wie ein Splitter, den man nicht rauskriegt. Ich hör schon den Schlüssel im Treppenhaus, lange bevor er im Schloss umdreht. Der Hund im Hof hebt kurz den Kopf, dann wird alles still, als hätte selbst er keinen Bock auf das, was gleich kommt. Ich geh ins Bad, tu so, als würde ich was suchen, wisch mir mit kaltem Wasser übers Gesicht. Im Spiegel sitzt ein Kind, das ich kenne, nur müder, mit Augen, die zu viel gesehen haben. Es sagt nichts, schaut nur rüber, als wär es selbst nicht sicher, ob es noch hier wohnt. Im Wohnzimmer blinkt dein Handy auf dem Tisch, eine Nachricht, die ich nicht lesen will, weil ich schon an der Art des Lichts merke, dass sie wieder alles leichter macht für dich und schwerer für mich. Neben dem Sofa liegt dein Schal, noch warm von draußen, nach Rauch und Busluft, und ich frag mich, wie man so einfach geht, wenn der Rest der Wohnung noch nach Ankunft riecht. Ich sag den Satz von gestern nochmal, dieses „Ist schon okay“, so schnell, dass es fast wie gelogen klingt, weil ich längst weiß, wie wenig das trägt. Keiner hört mich, wenn ich leise rede, nicht mal ich selbst, wenn ich mich beeil. Draußen drückt der Abend gegen die Fenster, die Straße vor dem Haus ist voll von Leuten, die Tüten tragen, Schlüssel suchen, lachen, und ich steh hier mit einer Tasse in der Hand, als wär das die einzige Sache, die nicht umkippen darf. Ich stell sie vorsichtig ab, nicht weil ich Angst vor heißem Kaffee hab, sondern vor diesem winzigen Geräusch, wenn etwas endgültig den Halt verliert. Du kommst rein, nimmst deine Jacke nicht ganz ab, sagst irgendwas über Stau, über nasse Fahrbahnen, über den blöden Mann an der Ampel, und ich nicke an den falschen Stellen. In meinem Kopf läuft schon das Bild, wie du gleich wieder durch den Türrahmen verschwindest, ohne dich umzudrehen, während die Wohnung hinter dir den Atem anhält. Ich will dir sagen, dass ich seit Tagen gegen diese Enge anrenne, gegen die Stimmen im Treppenhaus, gegen das Dröhnen in meinem Schädel, gegen diese kleinen Dinge: dein Becher auf der Spüle, dein Ladegerät in der Wand, dein Pulli über dem Stuhl, dein Geruch in den Kissen, als hättest du dich mit Absicht in alles reingestellt, damit ich dich nicht sauber loswerde. Aber ich sag nur, bleib kurz noch sitzen. Nur einen Moment. Nicht, weil ich dich festhalten will wie früher, eher weil die Luft hier drin sonst sofort kippt, und ich keinen Plan hab, wie man das wieder zurückdreht. Du setzt dich doch. Legst den Schlüssel auf den Tisch, als wär er schwerer als sonst. Ich sehe deine Finger, wie sie auf der Tischkante trommeln, dieses unruhige, kleine Verraten von dir, das immer zuerst kommt. Und ich merk, ich kenn dich noch, sogar in den schlechten Minuten, sogar da, wo wir uns schon halb verloren haben. Die Uhr über der Tür macht ihr trockenes Klicken. Im Hof bellt ein Hund zweimal, hört wieder auf. Irgendwo fällt eine Glastür zu, unten im Hausflur knallt eine Nachricht auf ein Handy, und ich denke: So klingt ein Abend, an dem nichts Großes passiert und doch alles anders wird. Ich steh auf, geh zum Fenster, zieh den Vorhang nicht ganz zu. Unten parkt dein Auto schief am Bordstein, als wärst du nur kurz aus dem Leben gefallen und gleich wieder eingestiegen. Du sagst meinen Namen, nicht laut, eher vorsichtig, und in dem Ton steckt plötzlich mehr Nähe als in allem, was wir uns den ganzen Tag nicht gesagt haben. Also setz ich mich wieder. Nicht groß, nicht mutig. Einfach da. Mit der Tasse in der Hand, mit dem Staub auf den Bildern, mit dem Schlüssel im Schloss von draußen, mit dem Kind im Spiegel, mit dem Hund im Hof, mit all dem Kram, der mich sonst auseinanderzieht. Und während du erzählst, irgendwas Kleines, irgendeine Peinlichkeit aus deinem Tag, merk ich, dass ich nicht fallen muss, nicht jetzt. Dass es vielleicht reicht, wenn einer von uns den Raum aushält, bis der andere wieder atmen kann. Ich bleib noch. Nur heute. Bis die Wohnung nicht mehr klingt, als würde gleich etwas brechen. Bis deine Schulter nicht mehr so hoch sitzt. Bis meine Hände aufhören zu zittern. Bis die Tasse warm wird und der Abend sich endlich setzt.


