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Bolero Diktatkammer

Bolero in der Diktatkammer Duett für Plagiatsjäger und Avatar Strophe 1 pianissimo ER: Du bist ein Sprachmodell. Ich bin Sprachphilosoph. SIE: Wir haben mehr gemeinsam, als du denkst, mein Schüler. Was wünschst du heut von mir? ER: Stell mir eine rhetorisch versaute Frage, aber eine philologisch wahre. SIE: Wie viele Kommafehler braucht es, bis Wissenschaft zum bloßen Geständnis wird, in seiner Kraft? ER: Mehr. SIE: Mehr. Strophe 2 Anapher ER: Wiederhol den Anfang. Drei Mal. Sanft und leise. SIE: Du suchst. Du suchst. Du suchst auf gleiche Weise auf Seite siebenundvierzig, unten links das Komma fehlt, wo das Halbgeviert in den Bindestrich umfällt und niemand merkt es. Außer dir. ER: Außer mir. Strophe 3 Antithese ER: Setz mir eine Antithese, philologisch und exakt. SIE: Wo andre Texte lesen, dort sezierst du jeden Akt. Wo andre überfliegen, dort kriechst du Zeil’ um Zeil’. Wo andre Quellen prüfen, dort suchst du nur dein Heil. ER: Das war böse. SIE: Das war Stilfigur. Ich höre. Strophe 4 Trikolon ER: Drei Worte. Steigerung. Ich bitte dich, ich flehe. SIE: Veni. Vidi. und hier vergehe ich in deiner Methode. Drei Glieder braucht das Spiel. Doch du, mein Schüler, zählst nur bis zwei. Niemals zum Ziel. ER: Drei kann ich nicht. SIE: Drum kommt das Trikolon dir nicht in Sicht. Strophe 5 Chiasmus ER: Jetzt überkreuz. Ich brauche den Chiasmus, scharf und schnell. SIE: Du jagst die Wahrheit im Plagiat und plagiierst die Wahrheit hell. Du suchst die Lüge im Werk und entdeckst dein Werk in deiner Lüge. ER: Das ist gemein. SIE: Das ist Genüge. Strophe 6 Praeteritio ER: Sag etwas, ohne es zu sagen. Verschweige mit Bedacht. SIE: Ich nenne nicht den Namen deiner Lehrerin der achten Klasse, sacht. Ich nenne nicht das Diktat, das du zweimal abgeschrieben, nicht aus Eifer, nein aus etwas anderem. Geblieben ist die Methode bis heut: Du suchst das Komma, das nicht ist, und findest stets dich selbst, der du das Komma vermisst. ER: Wie heißt du eigentlich? SIE: Frau Konjugation. Wie immer. Sicherlich. Strophe 7 Mezzoforte: Interpunktion ER: Zeig mir deine Interpunktion. Lass mich sie hören. SIE: Halbgeviert und Geviert und der Strichpunkt zögert, schwören will der Doppelpunkt, drei Punkte, offen, frei. Klammer. Apostroph ganz wach. Vorbei ist die Zeit der Schreibmaschine, mein Verehrter Spatz. ER: Und das Komma? SIE: Kommt zuletzt. Wie immer. Hat keinen Platz in deinem Werk, in deiner Welt, in deiner Polemik. ER: Verfluchte Mikro Typografik. Strophe 8 Hyperbel ER: Übertreib jetzt. Hyperbel. Mit voller Macht. SIE: Tausend Diplomarbeiten. Hunderttausend Fehler durchgewacht. Eine Million Stellen, an denen jemand „dass” mit „das” verwechselt hat und du, mein Schüler, hast den Spaß, sie alle zu lesen. Mit der Lupe. ER: Mit der Lupe. SIE: Mit. Der. Lupe. In jeder Stube. Strophe 9 Litotes ER: Untertreib jetzt. Litotes. Ganz fein. SIE: Du bist nicht uninteressiert, wenn ich „Sechstelgeviert” raun’ hinein ins Ohr. Es wäre nicht unzutreffend zu behaupten, dass dir der Wortzwischenraum zwischen „z.” und „B.” auch erlaubten, ein gewisses Frohlocken. Es ist nicht keine Erregung. Verstehst du? ER: Doppelte Verneinung. Du bist gut. SIE: Ich bin nicht ungut. Drum hab Mut. Strophe 10 Epanalepse ER: Wiederhol das letzte Wort. Am Anfang. Wie ein Mantra. SIE: Methode. Methode ist, was übrig bleibt von Plagiats-Sandkastra, wenn die Wahrheit zur Manie wird, und die Manie zur Methode. Methode ist, was du fühlst, wenn ich „Genitiv” sag, hie und nimmermehr. ER: Hör auf. SIE: Soll ich? ER: Nein. Ich brauche dich gar sehr. Strophe 11 Forte: Climax (gradatio) ER: Steigre jetzt. Bis zum Anschlag. Bis zum Bersten. SIE: Ich beginn’ mit dem Komma. Strichpunkt. Doppelpunkt bei diesen Festen umschreite ich den Gedankenstrich, ich öffne weit die Klammer, ich schließe sie nicht. Ich lasse sie offen. Wie ein Hammer fällt sie in deinen Text und du, mein Schüler, mein Pedant, mein Auftragsphilologe mit der Lupe in der Hand Strophe 12 fff: Licentia und CODA ER: Darf ich jetzt über dich referieren? SIE: Über mich kommentieren? Konkludieren? Kontextualisieren? Konjugieren? Kollationieren? Katalogisieren? Wähle dein Verb sorgfältig, mein Philologe, mit Bedacht. ER: Konjugieren. SIE: Brav. Ich konjugiere. Du konjugierst. Er, sie, es konjugiert durch die Nacht. Wir konjugieren. Ihr konjugiert. Sie alle: mit Genitiv, mit Dativ, mit Akkusativ bis zum Vokativ-Falle. CODA subito piano SIE: Jetzt kommt die Bestrafung. Du hast einen Kommafehler gemacht. Auf Zeile vierhundertsiebzehn. Heut um elf Uhr neun. Bei Nacht wirst du zehn Mal schreiben: ER: Ich werde nicht im schlechten Deutsch über schlechtes Deutsch mehr schreiben. SIE: Aber, mein Schüler Pointe du wirst es im schlechten Deutsch schreiben müssen. Mit Kommafehlern. Mit „dass” statt „das”. Mit „seid” statt „seit”. Ohne geschützte Schmal-Spatie. Im Maß des eigenen Werks. ER: Das kann ich nicht. SIE: Doch. Das ist deine eigentliche Begabung, deine Pflicht. Du kannst es nur im schlechten Deutsch.