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Wo die Raben kreisen

WO DIE RABEN KREISEN Die Nacht legt Eisen auf mein Herz, der Morgen schweigt zu altem Schmerz. Im Feuer fällt der Runen Schein – was soll gescheh’n, was sollte sein? Ich trug mein Schicksal Stück für Stück, ging manchen Weg und sah nicht zurück. Doch eine Spur verweht mir nicht, sie steht wie Schatten hinterm Licht. War jeder Schritt für mich bestimmt? War jede Wahl vom Wind gestimmt? Oder ließ ich einst etwas zurück, das heute fehlt zu meinem Glück? Fliegt, ihr Raben, durch die Nacht, über Berg und schwarze Wacht! Tragt zu Odin meine Fragen, die mein Mund vermag nicht auszusagen. Fliegt, ihr Raben, weit hinaus – sucht zwischen Asche noch mein Haus. Und wenn das Schicksal Antwort weiß, tragt sie zu mir durch Wind und Eis. Manch Morgen trägt ein schweres Kleid, die Seele müde von der Zeit. Dann wird die Welt für Stunden grau, der Himmel fern, der Atem rau. Doch tief in mir schläft noch die Glut, noch ist da Wille, noch ist Mut. Und wenn der Wolf im Innern schreit, weiß ich: Auch er trägt Einsamkeit. Ich fürchte weder Nacht noch Wind, noch all die Narben, die in mir sind. Doch eine Frage fürcht ich sehr: Was, wenn mein Weg der falsche wär? Was, wenn ich einst zu früh gegangen, zu stolz, zu blind, in mir gefangen? Was, wenn etwas, das verloren schien, noch immer durch meine Träume zieht? Kein Wort davon soll Kette sein. Kein Gestern sperrt mein Morgen ein. Doch manches Feuer, längst verweht, glimmt weiter, wenn der Nordwind dreht. Fliegt, ihr Raben, schwarz und frei, sagt mir nicht, wann alles vorbei. Sagt mir, was vom Menschen bleibt, wenn Zeit uns durch die Jahre treibt. Fliegt, ihr Raben, über mein Land, führt meine Zweifel an Odins Hand. Was ich verlor, was ich gewann – zeigt mir, was ich noch ändern kann. Und du – du kennst mein Schweigen ohne Wort, bleibst, wenn mein Geist zieht weit hinfort. Wenn rings um mich die Mauern steh’n, kann ich durch deine Augen seh’n. Du musst mich weder retten noch versteh’n. Nur neben mir durch Stürme geh’n. Denn selbst wenn alles in mir schweigt, bist du der Funke, der sich zeigt. Hebt die Hörner! Schlagt die Trommeln! Lasst die alten Feuer glüh’n! Was gefallen ist, kann ruhen – was noch lebt, soll weiterzieh’n! Der Wolf soll heulen. Der Sturm soll weh’n. Die Raben sollen alles seh’n. Was war, bleibt eingeschrieben in Haut und Herz und Stein. Doch keine Rune dieser Welt bestimmt, wer ich noch werde sein. Fliegt, ihr Raben, durch die Nacht! Ich bin gefallen – doch nicht schwach. Tragt meine Zweifel himmelwärts, doch lasst mir meinen Trotz im Herz. Denn zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Verlieren und Verzicht, bleibt eine Wahrheit tief in mir: Ich weiß nicht, ob mein Weg richtig war – doch noch bin ich hier.