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Das Sibyllentürmchen

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[Musik: Leiser, dunkler Streicher-Teppich, später Glocken, Wind, entferntes Flüstern] [Ambiente: Wind weht durch kahle Bäume, ein Rabe ruft. Ferne Kirchenglocken.] [Erzähler (ruhig, tief, melancholisch)]: In alten Tagen, als die Schatten noch länger über Erfurt fielen, lebte eine junge Edeldame – Sibylle von Käfernburg. Fromm war sie, schön – und verlobt mit einem Ritter, dessen Name längst verweht ist... …doch nicht sein Schicksal. [Donner grollt in der Ferne. Eine düstere Orgel setzt sanft ein.] Am Vorabend ihrer Hochzeit geschah das Unfassbare. In einer nebligen Gasse, unweit der Cyriaksburg, fand man ihn – erschlagen, das Blut noch warm auf dem Pflaster. [Flüstern: „Verrat... Neid... Mord...“] Kein Zeuge, kein Mitleid. Nur ein dunkles Geheimnis, das mit den Jahren tiefer in den Stein kroch. Und Sibylle?... Sie zerbrach nicht. Sie baute. Ein Denkmal. Eine Klagesäule. Eine Andacht. [Musik: Glockenschläge, wie bei einem Begräbnis. Die Orgel hallt.] An der Stelle, wo sein Leben endete, ließ sie das Türmchen errichten. Vier Reliefs. Vier Wunden. Christi Leid – ihr eigenes Spiegelbild. [Ambiente: Wind rauscht, als ob durch alte Mauern. Eine Frauenstimme flüstert unverständlich.] Und dann verschwand sie. Nicht in den Tod – sondern in ein Kloster. Eine lebende Braut – doch nicht Gottes, sondern der Erinnerung. Ihr Herz vergraben unter Stein und Gebet. [Musik wird stiller. Nur noch Wind und eine leise Frauenstimme im Hintergrund.] Noch heute steht das Sibyllentürmchen, dort, wo einst Liebe verblutete. Wer es berührt, spürt den kalten Atem der Vergangenheit. Und wenn der Nebel sich senkt, sieht man vielleicht – sie. Die letzte Braut von Erfurt. Wartend. Für immer. [Letzter Glockenschlag. Musik verklingt. Dann – absolute Stille.]