Man sagt so oft; "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier" Ja das stimmt, zumindest bei mir stimmt es. Ich bin ein Gewohnheitstier Und dann gibt es diese Brüche im Leben zum Beispiel, wenn Deine Mutter stirbt. Bei mir war es so und wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen, tief von innen heraus, sie laufen einfach los und meine Seele ist bei mir, will mich trösten und mir sagen: "So ist das nun einmal, wir leben und dann sterben wir" Wenn man an sein eigenes Leben denkt, kann man sagen: "Ja ok, Stimmt, so ist es". Aber auf einmal ist Deine Mutter weg. Die Mama ist tot. Weg, fort, für immer. Man denkt daran auch vorher schon einmal aber das ist im Kopf, man denkt im Kopf und dann ist es halb so schlimm, weil der Kopf es ja weiß, dass es nun einmal so ist. Wenn sie aber dann doch weg ist, gestorben ist, fort ist, für immer weg ist, das ist was anderes. Auf einmal werden die Gedanken an alltägliches Miteinander wertvoll und erst dann fühlt man in sich, was einem so fehlt und weht tut. Da muss gar nichts wichtiges passieren, man saß vielleicht nebeneinander am Tisch und kam auf das Thema Hände, verglich die Größe der Hände und sie legte ihre in meine und sagt, was für große Hände ich doch hätte und das macht man alle paar Wochen, weil wir ja Gewohnheitstiere sind. Oder man sitzt nebeneinander im Wohnzimmer vor dem Fernseher, sie hat ihre Lieblingsjacke an und man schaut rüber, redet über irgendwas, sitzt einfach nebeneinander und alles ist gut. Und dann ist dieser Platz leer, nichts, einfach leer und man wußte es früher, daß es dereinst mal so kommen könnte, kommen wird, natürlich war unsicher, wen es zuerst erwischt, es sterben ja auch mal die Kinder vor den Eltern und das ist vermutlich noch tausendmal schlimmer für die Eltern. So, wenn die Mutter vor dem Sohn stirbt und selbst uralt geworden ist, dann denken alle, das sei ja normal und so ist das Leben. Aber wenn es die eigene Mutter ist, dann ist das anders, denn dann ist da ein Loch in Deinem Leben, eine Lücke. Sie ist nicht immer da, aber sobald du an sie denkst ist es da, ein Vermissen, ein Fehlen, ein Schmerz, eine Trauer, die aus der tiefen Liebe entspringt, die du über das Band zu Deiner Mutter hattest. Du sitzt da, heulst, der Rotz läuft Dir herunter und die Tränen laufen und es tut weh, unendlich weh. Und vielleicht geht es Dir eine Minute später wieder besser, du wischst Dir die Tränen ab, putzt Deine Nase, atmest durch und fühlst Dich sogar etwas leichter, weil die Tränen raus sind. Denkst du aber darüber nach, geht es wieder los, denn diese Lücke ist ja nicht eingebildet, sie ist real vorhanden. Hinterher denkt man, man hätte sich noch mal ab und an die Fotoalben von früher anschauen sollen oder dies oder das machen sollen oder über dies oder das reden sollen und man merkt, wie wertvoll und wichtig die allerkleinsten Momente des Miteinanders doch für Dich waren. Wenn wir im Garten nebeneinander auf der Bank saßen, die Kinder von den Gartennachbarn kamen, solche Momente der Freude, der Liebe, des Wohlfühlens, erst später spürt man, wie wertvoll die sind. Und man denkt, man könnte sich innerlich auf den Tod der Mutter vorbereiten. Das ist ein Irrtum, man kann sich darauf nicht wirklich auf der Gefühlsebene vorbereiten, vom Verstand her ja, das geht, halbwegs zumindest aber wir sind nicht der Verstand, ich zumindest nicht und schon gar nicht in diesem Zusammenhang. Lieber Gott, pass bitte gut auf meine Mama auf, bitte pass auf sie auf. Schütze und segne sie und ihre Seele und die von allen anderen Menschen und Lebewesen auf der Welt. Ich stehe zu meinen Tränen, denn sie sind wahr und sie müssen raus, wer so tut, als könne man die zurückhalten, der irrt, ich zumindest könnte es nicht und würde es auch nicht wollen, denn sie sind Ausdruck meines Schmerzes, meiner Sehnsucht nach ihr und ihrer einfachen Liebe, die aus ihrem einfachen Dasein kommt. Das sind die Brüche im Leben, wir denken, wir könnten alles erklären und verkraften und auf einmal ist es anders und es geht nicht weiter. Bei meiner Mutter kam es auch überraschend. Wir waren am Tag bevor sie in ihre Sterbewoche fiel noch draußen gewesen mit dem Rollator, ganz normal, so wie immer, echt ganz normal, niemals hätte ich im Traum daran gedacht, dass dies unsere letzte Runde sein könnte. Doch sie war es. Einen Tag später war alles anders, ihre Seele hatte beschlossen zu gehen. Eine Woche lag sie noch auf dem Sterbebett und das tut richtig, richtig weh. Und der Moment, an dem die Seele geht, ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie schlimm das ist. Seid lieb zueinander, Seid lieb zueinander. Ehret und achtet Euch.