
[INTRO – leise Weihnachtsglocken, entferntes Radio, dann Stille] [Female spoken] Frohe Weihnachten. Zwei Worte. Eigentlich warm. Eigentlich Familie. Eigentlich Frieden. [Pause] Und dann liest du irgendwann einen Satz über dein eigenes Leben: „Rollstuhlfahrerin mit Staubsaugerkabel geschlagen.“ [Long silence] So kann Weihnachten auch in einer Akte aussehen. [DEEP LOG DRUM] [VERSE 1] Auf Papier sind es wenige Wörter. Keine Schreie. Keine Angst. Kein Körper, der sich erinnert. Nur ein Satz. Sauber geschrieben. Fast ordentlich. Als könnte man Gewalt in eine Zeile falten und danach die Seite umblättern. Doch ich war nicht die Schlagzeile. Ich war der Mensch darin. [PRE-CHORUS] EIN SATZ. EINE ZEILE. EIN VORGANG. EINE AKTE. UND DAZWISCHEN EIN GANZES LEBEN, DAS WEITERGEHEN MUSSTE. [CHORUS] FROHE WEIHNACHTEN. SO STAND DIE WELT NICHT STILL. FROHE WEIHNACHTEN. WÄHREND ICH LERNTE, WIE VIEL EIN MENSCH ERTRAGEN KANN. BAM BAM BAM. DAS WAR KEINE SCHLAGZEILE. BAM BAM BAM. DAS WAR MEIN LEBEN. UND WER NUR DEN SATZ LIEST, WEISS NOCH LANGE NICHT, WAS DIE NACHT MIT EINEM MENSCHEN MACHT. [VERSE 2] Gewalt hat keine Dramaturgie. Keinen passenden Soundtrack. Keinen Moment, an dem jemand „Cut“ ruft. Sie passiert. Und danach geht die Welt weiter. Autos fahren. Menschen kaufen Geschenke. Irgendwo läuft Musik. Irgendjemand sagt: Frohes Fest. Und du sitzt da mit einer Erinnerung, die sich nicht dafür interessiert, welcher Tag im Kalender steht. [Female spoken] Trauma kennt keine Feiertage. [DROP] [CHORUS] FROHE WEIHNACHTEN. ZWEI WORTE, DIE EINMAL LEICHT WAREN. FROHE WEIHNACHTEN. UND PLÖTZLICH TRAGEN SIE EIN GEWICHT. BAM BAM BAM. ICH WAR KEIN FALL. BAM BAM BAM. ICH WAR DER MENSCH. UND WAS SPÄTER IN EINER ZEITUNG STAND, WAR NUR EIN BRUCHTEIL VON DEM, WAS ICH ERLEBT HABE. [BREAK – Glocken verschwinden, nur Klavier] [Female spoken] Ich erzähle das nicht, damit jemand Mitleid hat. Ich erzähle es, weil Gewalt oft kleiner aussieht, wenn man sie in Akten schreibt. Ein Satz. Eine Meldung. Ein Datum. Aber der Mensch trägt die Geschichte weiter. Manchmal Jahre. Manchmal im Körper. Manchmal in der Angst. Manchmal in einem Satz, den andere längst vergessen haben. [BRIDGE – tiefes Klavier, warmer Chor] Und trotzdem bin ich noch hier. Nicht weil es nichts mit mir gemacht hat. Sondern obwohl es etwas mit mir gemacht hat. Ich habe geliebt. Ich habe weitergelebt. Ich habe geschrieben. Ich habe irgendwann wieder gelacht. Nicht weil die Vergangenheit kleiner geworden ist. Sondern weil mein Leben größer geworden ist. [CHOIR] DU BIST NOCH HIER. DU BIST NOCH HIER. DU BIST NOCH HIER. [BUILD] [Female] DIE SCHLAGZEILE? [Choir] NICHT MEIN NAME. DIE AKTE? [Choir] NICHT MEIN LEBEN. DIE GEWALT? [Choir] NICHT MEIN ENDE. [Female] UND DIE STIMME? [Choir] IST WIEDER DA. [FINAL CHORUS] FROHE WEIHNACHTEN. HEUTE SAGE ICH ES ANDERS. NICHT ALS BITTEREN WITZ. NICHT ALS ERINNERUNG AN DAS, WAS MIR PASSIERT IST. SONDERN WEIL ICH NOCH HIER BIN. BAM BAM BAM. DIE SCHLAGZEILE WAR ECHT. BAM BAM BAM. ABER SIE WAR NICHT DAS ENDE. IHR HABT EINEN SATZ GELESEN. ICH HABE EIN LEBEN GELEBT. UND HEUTE MACHE ICH AUS DEM, WAS MICH ZUM SCHWEIGEN BRINGEN SOLLTE, EINE STIMME. [OUTRO – ganz leise Weihnachtsglocken] [Female whispered] Frohe Weihnachten. Diesmal gehören die Worte wieder mir. [END]

