
🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡 Theodor Storm und der kleine Häwelmann Theodor Storm (1817–1888) zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts. Neben seinen Novellen und Gedichten schrieb er auch das Kunstmärchen „Der kleine Häwelmann“, das 1849 erstmals veröffentlicht wurde. Schon der Name des kleinen Helden passt zu seinem Wesen: „Häwelmann“ stammt aus dem Niederdeutschen und lässt sich sinngemäß als „kleiner Zappelmann“ oder als jemand verstehen, der strampelt, zappelt und einfach nicht stillhalten kann. Und genau das kann Häwelmann ganz besonders gut. Die Geschichte erzählt von einem kleinen Jungen, der einfach nicht schlafen will. In seinem Bettchen auf Rollen beginnt eine fantastische Reise durch die Nacht. Angetrieben von seinem unermüdlichen Ruf „Mehr! Mehr!“ fährt Häwelmann hinaus in die Welt, begegnet dem Mond und lässt sich selbst von der Weite des Himmels nicht aufhalten. Eine märchenhafte Geschichte über kindliche Neugier, Fantasie und dem Wunsch, immer noch ein kleines Stück weiterzufahren – bis selbst die längste Nacht einmal zu Ende geht. Für mich ist „Der kleine Häwelmann“ aber noch viel mehr als eine alte Kindergeschichte. Mein Vater hat mir als Kind nur eine einzige Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen – und es war immer diese. Gerade deshalb waren diese Abende etwas ganz Besonderes, denn eigentlich war meine Mutter bei uns diejenige, die die Geschichten vorlas. Zu meinem 18. Geburtstag bekam ich von meinem Vater eine besondere Ausgabe des „Kleinen Häwelmann“. Er hatte eine persönliche Widmung für mich hineingeschrieben. Aus der Geschichte meiner Kindheit wurde damit etwas, das mich auch als Erwachsene weiter begleitet. Mein Vater ist 2018 leider verstorben. Das Buch, seine Widmung und die Erinnerung daran, wie er mir als kleines Mädchen vom Häwelmann und seiner Reise durch die Nacht erzählte, sind geblieben. Und vielleicht ist es genau das, was manche Geschichten so besonders macht: Man erinnert sich irgendwann nicht mehr nur daran, was erzählt wurde, sondern vor allem daran, wer sie einem erzählt hat. Diese Erinnerung wird für immer bleiben. 🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡🎶🧡 Der kleine Häwelmann liegt wach, die Mutter schläft schon nebenan. Doch schlafen? Nein, das will er nicht, weil er noch so viel erleben kann. Sein Bettchen steht auf kleinen Rollen, er spannt das Hemdchen wie ein Segel auf. Dann bläst er kräftig in den Stoff. Mehr! Mehr! Ich will noch nicht schlafen! Ich will noch weiterfahr’n! Der Mond schaut durch das Fensterglas und leuchtet ihm den Weg hinaus. Häwelmann rollt durchs dunkle Zimmer, vorbei an Tisch und Stuhl und aus dem Haus. Dann geht es fort durch stille Straßen, wo längst kein Mensch mehr vor die Türen tritt. Nur oben zieht der Mond ganz langsam auf seiner stillen Reise mit. Mehr! Mehr! Immer weiter! Leuchte, Mond, und komm doch mit! Roll nur, kleiner Häwelmann, roll durch die lange Nacht. Der Mond hängt über deinem Weg und hält für dich noch Wacht. Immer weiter, immer weiter, durch Häuser, Wald und Sternenschein. Die ganze Welt ist dir nicht groß genug, es muss noch etwas weiter sein. Ich fahre! Ich fahre, solange ich will! Mehr! Mehr! Der Mond wird blass am Himmelsrand, die Nacht verliert ganz leis ihr Kleid. Doch Häwelmann kennt noch kein Genug, für ihn ist Schlaf noch viel zu weit. Der Mond hat ihn so lang begleitet, hat Wege hell gemacht für ihn. Doch Häwelmann wird immer kühner, will höher noch und weiter ziehn. Mehr! Mehr! Ich will noch weiter! Bis hinauf zu allen Sternen! Doch irgendwann wird selbst dem Mond der kleine wilde Kerl zu viel. Er zieht sich langsam aus der Nacht und überlässt ihn seinem Spiel. [Instrumental] Da kommt die Sonne, groß und rot, am Ende dieser langen Nacht. Häwelmann fährt ihr mitten entgegen, als hätte er auch sie für sich gemacht. Mehr! Mehr! Ich fahr noch weiter! Doch mit der Sonne ist nicht gut spaßen, sie schaut den kleinen Fahrer an. Ein heller Strahl trifft Bett und Segel, und aus ist’s mit dem Häwelmann. Schlaf nun, kleiner Häwelmann, vorbei ist deine Fahrt. Du warst im Wald, du warst bei den Sternen, hast selbst den Mond genarrt. Immer weiter, immer weiter, doch irgendwann wird jede Reise klein. Und wer die ganze Nacht hindurchfährt, darf morgens endlich müde sein. Der Mond zieht weiter durch die Nacht, die Mutter schläft noch nebenan. Und irgendwo, ganz tief im Traum, rollt noch der kleine Häwelmann. Mehr ... Ganz leise. Mehr ... Bis der Schlaf ihn halten kann. [Instrumental End]

