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Die drei Siebe

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V6

Eine alte Geschichte erzählt von Sokrates. Und von einem Mann, der etwas gehört hatte … und es unbedingt weitererzählen wollte. Aufgeregt kam er zu ihm. „Sokrates! Du glaubst nicht, was man über deinen Freund erzählt. Das musst du hören!“ Doch Sokrates hob ruhig seine Hand. „Warte einen Augenblick. Bevor du mir deine Geschichte erzählst … lass uns schauen, was von ihr übrig bleibt, wenn wir sie durch drei Siebe geben.“ „Drei Siebe?“ „Ja. Das erste ist die Wahrheit.“ Ist es wahr … oder nur gehört? Ein leises Wort, das Kreise zieht. Bevor es einen Menschen trifft: Weißt du, ob es stimmt? Sokrates sah den Mann an. „Hast du selbst erlebt, was du mir erzählen möchtest? Hast du geprüft, ob es wahr ist?“ Der Mann zögerte. „Nein … jemand hat es mir erzählt. Ich dachte nur …“ „Du weißt es also nicht.“ Für einen Moment war nur der Wind zu hören. Dann fragte Sokrates weiter: „Versuchen wir das zweite Sieb. Die Güte. Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund berichten möchtest?“ Der Mann senkte den Blick. „Eigentlich … eher das Gegenteil.“ Ist es gut … was dein Wort hinterlässt? Eine Hand, die hält, ein Stein, der trifft? Bevor du diese Worte sprichst: Denk an den, von dem du sprichst. Sokrates schwieg. Er ließ dem Mann Zeit. Dann sagte er: „Ein Sieb bleibt uns noch. Die Notwendigkeit. Muss ich wissen, was du mir erzählen möchtest? Hilft es jemandem? Können wir dadurch etwas besser machen?“ Der Mann dachte nach. Seine Aufregung war verschwunden. „Nein“, sagte er schließlich. „Notwendig ist es wohl nicht.“ Da lächelte Sokrates. „Du weißt nicht, ob es wahr ist. Du möchtest nichts Gutes berichten. Und nötig ist es auch nicht. Warum sollten wir diese Geschichte dann noch weitertragen?“ Ist es wahr? Ist es gut? Muss es wirklich weiterziehn? Nicht jedes Wort, das zu uns kommt, müssen wir der Welt erzähln. Ist es wahr? Ist es gut? Hilft es einem Menschen hier? Bevor ein Wort die Welt berührt, beginnt die Wahl bei dir. Vielleicht stehen wir manchmal selbst dort. Mit einer Nachricht auf der Zunge. Mit einem Finger über „Senden“. Mit diesem kleinen Drang: Das muss ich jemandem erzählen. Und vielleicht reicht dieser eine Atemzug, bevor wir es tun. Nicht jede Wahrheit ist bequem. Manches muss gesagt werden, damit sich etwas ändern kann. Doch ein Gerücht wird nicht zur Wahrheit, nur weil es immer lauter wird. Ist es wahr? Ist es gut? Muss es wirklich weiterziehn? Lass uns Worte finden, die den Menschen dahinter sehn. Ist es wahr? Ist es gut? Hilft es einem Menschen hier? Bevor ein Wort die Welt berührt, beginnt die Wahl bei dir. Der Mann ging weiter. Was er über den Freund gehört hatte, erfahren wir nicht. Vielleicht … ist genau das das schönste Ende dieser Geschichte.