
Modell Jehova Wissen Sie, mir nennen die Tasche „Modell Jehova.“ Natürlich nennen wir sie nur unter uns so, eigentlich heißt das Modell „Brooklin.“ Ist doch witzig, da kommen`s doch irgendwo her. „Modell Jehova“ geht saugut. Nein, wir wollen gewiss Gott nicht lästern und auch niemandem religiös auf den Schlips treten, aber wenn`s as so gern mögen. Ich könnt Ihnen blind sagen, welche Taschen Sie bei uns kaufen. Gut, dass die nicht ihre eigenen Taschen herstellen. Bei einem Kollegen von uns wird das „Modell Jehova“ auch so oft gekauft. Jehova, nein ich lästere nicht, einmal hab ich eine halbe Stunde mit einer Dame diskutiert, die Juden haben nicht Jehova gsagt, Jahwe ham`s gsagt und nacha ham`s nur noch Adonai gsagt. Aufganga is`s wia a warme Semmel, ich bin dann wieder dezenter gworden. Verstehen Sie, die Dame hat zwei Taschen gekauft, na klar, „Modell Jehova.“ Sie, an Weihnachten bin ich doch auch stad, auch wenn mir der Rummel auf `n Wecker geht, man muss eben Geld und Religion klar auseinanderhalten. Auch wenn man mit den Festerln allerhand verdient. Schaun Sie nur, „Modell Jehova“ ist schon qualitativ sehr hochwertig, auch im Detail sind wunderbare Lösungen versteckt. Da passt ihre Bibel wunderbar nei. Frau Meier, die ja eine bekennende Atheistin ist, hat mal zu mir gesagt, die Bibel dieser Jehovas ist narrisch versaut. Eine bekennende Atheistin, sag ich nur, die Frau Meier. Aber sie hat eine Vorliebe dafür, was alte Literatur angeht und mit Bibeln hat sie sich eingehend beschäftigt. Gsagt hat`s mal, diese Jehovas haben an entscheidenden Stellen Wörter eingefügt, Worte weggetan und Kommas versetzt. Ich bin kein Atheist, ich glaub schon an was. Diese Frau Meier, ein Fuchs in der Literatur. Und da können`s ihre Hefterl neistecken, sehen Sie, zehne gehn da locker nei. Da ein schlankes Facherl, ideal für Stifte geeignet. Apropos Hefterl, von dene lebt doch der Verein im Grundsatz, ohne Hefterl fehlt dene doch des wos ma heiligen Geist nennt, oder? Ich lästere gewiss nicht Gott, weil ih doch glaub, dass Jesus der fleischgewordene Gott ist. Die Meier hat zu mir gsagt, in dene erna Bibel steht „Am Anfang war ein Gott,“ verstehen Sie, wie wenn es noch einige gäbe. Na na, ih tät doch ned Gott lästern, ih bin ja froh, wenn Gott meiner nicht spottet. Da lacht die Meier immer, alles nur Literatur und Jesus war ein guter Mensch. Sie, ich lasse es einfach stehen, es gibt ja soviele Spinner und wenn ma da auf alles hören würde, na na. Schaun Sie, ich verkauf soviele von dene Taschen, „Modell Jehova“ ist ein Renner. Von weitem kennt ma`s doch schon, ih glaub, ih mach jetzt mal a Angebot, bei zwei Taschen gibt`s einen Rabatt von Zehn Prozent. Ich, na ih bin bei keiner Kirche oder keinem Verein dabei. Schaun Sie, mein Glaube ist da in meinem Herzen, der passt in keine Tasche. Neulich, ich sitze in meim Stammcafe, schenkt mir eine ältere Frau ein Hefterl über die Maria, Sie wissen schon, die Maria die Jesus auf die Welt brachte, und so ein Medaillon hat`s mir geschenkt. Des is so schnell gegangen, auf zack bumm und weg war die Frau, ich hatte nun das Hefterl und das Medaillon in der Hand. Oh oh, welch ein gräuliches Zeug, ich hab mit der Meier darüber geredet und die hat auch gsagt, alter Römerkult, Mutter-Kind-Mythos, gibt`s biblisch auch nicht. Von der atheistischen Meier könnten sich manche Pfaffen und sonstige ein Scheibchen abschneiden. Ich glaub, wenn die durch ein Wunder doch noch mal glauben könnte, an Jesus meine ich, wäre die Meier eine lodernde Flamme. Na ja, ich war wieder im Cafe und hab diese ältere Frau wieder getroffen. Ich hab ihr das so gsagt, dass ich vom Marienkult nichts halte, hab ihr sogar in der Bibel gezeigt, dass Maria mehrere Söhne und Töchter hatte und nach Jesu Geburt alles andere als jungfräulich war. Wissen Sie, was gsagt hat? Ob ich ein Zeuge Jehovas wäre. Nein, hab ich gsagt, dene verkauf ich nur das „Modell Jehova.“ Sie glauben ja nicht, was ich mir alles anhören musste, aber der Bibel hat`s nicht geglaubt, die wollte vergeistlichen, was gar nicht zu vergeistlichen ist. Die Meier hat mir das auch so gsagt, das glaubt sie sei Ursache für viele Sekten und eigenartige Lehren. Na ja, kaum war die Frau im Cafe gegangen, setzte sich eine ältere Bekannte nieder und wissen Sie, was die zu mir gsagt hat? Die andere Frau sei unmöglich, die mit der Maria, sie würde immer solches Zeug erzählen, bestimmt eine Zeugin Jehovas. Ich hab lachen müssen, eine schiebt der anderen Jehova zu und ich, ich verkauf das „Modell Jehova.“ Ich hoffe ja, dass die amerikanische Zentrale der Organisation das Geschäft nicht wittert, am End nennen`s die Tasche noch „Erwachet.“

