
DECKEL AUF Ich wollte eigentlich nur Ruhe, ein bisschen Musik für meinen Kopf. Ein paar Zeilen gegen laute Tage, mehr war da wirklich nicht geplant. Doch kaum schreibe ich den ersten Satz, steht der nächste vor der Tür. Ein Gesicht, ein Ort, ein alter Sommer – und ich denke: Was willst du denn hier? Ein Lied wird laut, das nächste leise, eines rennt und eines bleibt. Eines tanzt mir durch die Küche, eines trifft mich, wenn es schreibt. Schnell und langsam, wild und zärtlich, manchmal frech und manchmal schwer – fast wie dieses kleine Mädchen, das nie einzufangen war. Deckel auf – und plötzlich sprudelt dreiundfünfzig Jahre Leben auf mich ein. Eine Zeile zieht Erinnerungen, von denen ich dachte: Die können nicht mehr sein. Deckel auf – und mit jedem Lied steht eine andere von mir da. Und irgendwo zwischen all den Stimmen seh ich das Mädchen, das ich einmal war. Die mit aufgeschlagenen Knien, viel zu neugierig für Stillstand, die lieber wissen wollte, was passiert, als brav zu bleiben am sicheren Rand. Die laut lachen konnte, fünf Ideen gleichzeitig im Kopf, die man bremsen, aber niemals halten, in keine kleine Schachtel stopfen konnt’. Wann hab ich angefangen, über manches einen Deckel zu dreh’n? Wann wurde aus „Ich will alles wissen“ so oft nur noch „Ich muss weitergeh’n“? Und irgendwann saß ich in Therapie, eigentlich, um endlich was zu versteh’n. Doch kaum war dieser erste Deckel offen, konnte ich mein ganzes Leben wiederseh’n. Nicht nur Wunden, nicht nur Tränen, nicht nur das, was irgendwann zerbrach. Da saß plötzlich dieses kleine Mädchen und fragte mich: „Na endlich – bist du wach?“ Haus und Arbeit, Liebe, Menschen, Verantwortung von früh bis spät. Man funktioniert erstaunlich lange, wenn das Leben einfach weitergeht. Und meine Lieder werden laut und leise, schnell und langsam, kreuz und quer. Manche lachen, manche fragen, manche wollen plötzlich mehr. Keine Richtung, keine Schublade, keine Ahnung, was danach geschieht. Vielleicht war dieses Mädchen nie verschwunden – vielleicht schreibt es gerade jedes Lied. Vielleicht ist Schreiben auch ein bisschen Therapie, nur mit Musik und ohne weißen Raum. Ein Satz macht auf, der nächste gräbt noch tiefer, und plötzlich steht da wieder irgendein alter Traum. Und ja, manchmal erschreckt es mich, wie offen plötzlich alles liegt. Als hätte ich mich selbst ausgezogen und vergessen, dass da draußen jemand sieht. Dreiundfünfzig Jahre unter’m Deckel – war das wirklich alles da? So viele Bilder, so viele Geschichten, so vieles plötzlich wieder nah. Doch nicht alles davon ist traurig. Gott sei Dank – ganz im Gegenteil. Da war Chaos, da war Liebe, da war Scheitern, da war geil. Da waren Nächte, große Pläne, falsche Wege, richtig Glück. Menschen kamen, Menschen gingen, manches fehlt – und manches nicht. Deckel auf – und weiter sprudelt’s. Ich lass mich überraschen, was noch kommt. Vielleicht ein Lied, das richtig Krach macht, vielleicht eins, das nur ganz leise summt. Vielleicht noch eine alte Schublade, von der ich schwor: Die bleibt jetzt zu. Vielleicht noch eine Wahrheit über mich selbst – und vielleicht brauch ich davor erst mal ’n Kaffee dazu. Ich wollte eigentlich nur Ruhe. Jetzt finde ich beim Schreiben und vielleicht auch in der Therapie Stück für Stück ein ganzes Leben wieder. Und dieses Mädchen? Das steht mittendrin, mit aufgeschlagenen Knien, fünf Ideen gleichzeitig im Kopf, grinst mich an und sagt: „Du dachtest doch nicht wirklich, du könntest mich einfangen.“

