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Schnee als Kugel

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V6-MINI

Auf dem Fensterbrett steht eine Schneekugel, ein kleines Haus, ein warmer Schein. Ein paar Bäume, eine Kirche, alles friedlich, alles fein. Wenn man sie schüttelt, fällt der Schnee, ganz langsam auf die Dächer nieder. Und wenn sich alles wieder legt, ist diese kleine Welt wie vorher. Keiner streitet, keiner weint, keiner fragt, was morgen kommt. Keine Nachricht stört den Frieden, keine Angst wohnt hinterm Mond. Heile Welt in der Schneekugel, alles schön und wunderbar. Draußen brennt an manchen Orten längst die Welt, die gestern war. Heile Welt in der Schneekugel, hinter Glas ist alles gut. Und wir schauen eine Weile zu, weil uns dieser Anblick guttut. Draußen reden sie von Krisen, von Grenzen, Geld und neuer Macht. Von Menschen, die einander hassen, von Entscheidungen über Nacht. Da wird gelogen und versprochen, da wird gerechnet, wer verliert. Und manchmal fragt man sich am Morgen, wie viel davon noch passiert. Doch auf dem Fensterbrett fällt Schnee, die kleinen Fenster leuchten weiter. Kein Mensch dort kennt die großen Worte, die draußen alles schwerer machen. Heile Welt in der Schneekugel, alles schön und wunderbar. Draußen brennt an manchen Orten längst die Welt, die gestern war. Heile Welt in der Schneekugel, hinter Glas ist alles gut. Und wir schauen eine Weile zu, weil uns dieser Anblick guttut. Vielleicht sind wir ja selbst da drinnen, in einer Kugel, die uns schützt. Mit unseren kleinen Sicherheiten, solange draußen nichts zerbricht. Wir schmücken Häuser, decken Tische, wir sagen: „Uns geht’s doch noch gut.“ Und drehen manchmal leise weg, wenn uns die Wirklichkeit nicht passt. Wie lange hält so eine Kugel, wenn draußen jemand daran stößt? Wie lange kann man Frieden spielen, wenn man die Fragen nicht mehr löst? Vielleicht braucht jeder seine Kugel, für einen Augenblick im Jahr. Einen Ort, an dem man glauben möchte, dass die Welt mal einfacher war. Doch Schnee aus kleinen weißen Flocken macht keine dunklen Zeiten hell. Und hinter Glas bleibt alles stehen, während draußen Zeit vergeht. Heile Welt in der Schneekugel, alles schön und wunderbar. Doch wer bestimmt, was wir dort sehen, und was draußen unsichtbar? Heile Welt in der Schneekugel, ein bisschen Frieden hinter Glas. Vielleicht ist nicht die Welt da draußen das Einzige, was Risse hat. Ich nehm die Kugel in die Hände, seh mein Gesicht im runden Glas. Für einen Moment verschwimmen meine Welt und die dahinter. Dann stell ich sie zurück ans Fenster, der letzte Schnee fällt langsam nieder. Das kleine Haus bleibt hell erleuchtet. Und draußen wird es wieder Winter. Heile Welt in der Schneekugel, so zerbrechlich, wunderschön. Manchmal muss man näher kommen, um die feinen Risse zu sehen.