
Ich muss zur Toilette. „Warum?“ Nur ein Wort. Vielleicht nebenbei gesagt. Vielleicht müde. Vielleicht war die Nacht zu lang und wieder eine Hand zu wenig. Doch dieses eine Wort blieb bei ihr hängen. Warum? Weil ich muss. Weil ich noch einen Körper habe, der nicht weiß, wie viele heute Dienst haben. Weil meine Blase keinen Stellenplan liest. Weil sie nicht warten kann, bis jemand Zeit für mich hat. Warum? Weil ich ein Mensch bin. Nicht Zimmer sieben. Nicht Pflegegrad drei. Nicht die Klingel, die schon wieder leuchtet. Nicht noch ein Weg am Ende eines langen Flurs. Ich bin ein Mensch. Und ich muss zur Toilette. Vielleicht war die Frage gar nicht böse gemeint. Vielleicht war da nur zu wenig Zeit für viel zu viele Menschen. Vielleicht hat jemand schon Stunden nicht gesessen, nicht gegessen, selbst kaum Zeit gehabt, zur Toilette zu gehen. Vielleicht liegt genau darin die ganze verdammte Tragik: Dass auf beiden Seiten Menschen stehen, die eigentlich nur ein bisschen Luft bräuchten. Doch irgendwann wird aus Zeitdruck Routine. Aus einem Menschen eine Aufgabe. Aus einer Bitte eine Unterbrechung. Aus „Ich muss zur Toilette“ wird: „Warum?“ Und ich frage mich, wann wir angefangen haben, Würde in Minuten zu rechnen. Wann ein Glas Wasser zum zusätzlichen Handgriff wurde. Ein Gespräch zum Zeitproblem. Eine Hand, die noch einen Moment bleiben soll, zum nächsten Punkt, der eigentlich nicht vorgesehen war. Pflege war einmal mehr als satt und sauber. Mehr als Medikamente, Dokumentation, Lagern, Waschen, Messen. Pflege beginnt vielleicht genau dort, wo niemand hinsieht: Beim Warten vor einer Toilettentür. Beim Schließen eines Nachthemds. Beim langsamen Aufstehen, wenn jemand eben nicht mehr schnell aufstehen kann. Bei einem: „Lassen Sie sich Zeit.“ Obwohl eigentlich keine Zeit da ist. Ich muss zur Toilette. „Warum?“ Vielleicht sollten wir diese Frage umdrehen. Warum haben wir ein System gebaut, in dem ein Mensch sein Bedürfnis erklären muss? Warum muss jemand, der sein Leben lang für sich selbst sorgen konnte, plötzlich darum bitten, aufstehen zu dürfen? Warum reden wir über Würde, wenn für Würde manchmal nicht einmal fünf Minuten übrig sind? Und warum erwarten wir von denen, die pflegen, jeden Tag menschlich zu bleiben, wenn wir ihnen kaum noch Zeit für Menschlichkeit lassen? Vielleicht gibt es darauf keine einfache Antwort. Aber auf ihre Frage gibt es eine. Eine ganz einfache. Ich muss zur Toilette. Warum? Weil ich ein Mensch bin. Mehr Begründung sollte niemand brauchen.

