Manche Dinge ergeben vollkommen Sinn. Bis man darüber nachdenkt. Wir kaufen Dinge, die uns Zeit sparen, und arbeiten länger, um sie zu bezahlen. Sagen „Zeit ist Geld“, als wär das mathematisch, und tauschen Lebensstunden gegen Zahlen. Ganz pragmatisch. Wir fragen „Wie geht's?“ zwischen Tür und Termin, die Antwort heißt „gut“, dann kann jeder weiterziehen. Nicht weil uns egal ist, was der andere fühlt, nur weil Ehrlichkeit manchmal den Zeitplan zerwühlt. Wir bauen Abkürzungen, um schneller anzukommen, und füllen jede freie Minute, die wir dadurch gewonnen haben. Nennen Stillstand Zeitverlust, Bewegung Fortschritt, auch wenn keiner mehr genau weiß, wohin der Fortschritt fortschritt. Merkwürdig eigentlich. Vielleicht beginnt Normalität als wiederholte Konvention, wird Gewohnheit, wird Erwartung, irgendwann Definition. Ein Konsens ohne Abstimmung, kollektiv stabilisiert, bis die Herkunft einer Regel ihre Relevanz verliert. Wir bringen Kindern bei: „Frag nach, wenn du etwas nicht verstehst.“ Später lernst du, welche Antwort in welcher Situation zählt. Wir loben Individualität, solange sie kompatibel bleibt, und feiern Andersartigkeit, solange keiner sie zu weit treibt. Wir wollen einzigartig sein und gleichzeitig dazugehören, wollen unsere eigene Stimme und dieselben Lieder hören. Vielleicht ist Widerspruch kein Fehler im System, vielleicht hält er das System nur angenehm bequem. Merkwürdig eigentlich. Wie selbstverständlich selbstverständlich klingt, wenn man das Selbstverständliche nicht mehr hinterfragt. Merkwürdig eigentlich. Vielleicht nennen wir Dinge normal, weil „Warum?“ auf Dauer anstrengender ist als „Das macht man halt.“ Wir haben Kommunikation auf Sekunden komprimiert, sind permanent erreichbar und davon zunehmend irritiert. Aus ständiger Erreichbarkeit wird stillschweigend Verbindlichkeit, und aus der Möglichkeit zu antworten eine Pflicht zur Verfügbarkeit. Wir dokumentieren Augenblicke, um sie später zu behalten, und erleben manche davon zuerst durch unsere Displays. Speichern tausend Erinnerungen, damit uns keine verloren geht, während irgendeine davon ungesehen im Speicher steht. Wir messen Schlaf und Schritte, Bildschirmzeit und Produktivität, geben Zahlen eine Präzision, die sich manchmal als Bedeutung ausgibt. Was messbar wird, wirkt plötzlich wichtig, weil ein Wert danebensteht. Als hätte alles ohne Einheit weniger Realität. Merkwürdig eigentlich. Aber Moment. Ich steh hier und zerlege fremde Selbstverständlichkeiten, als wär ich außerhalb davon und könnte objektiv entscheiden. Dabei sag ich selber „gut“, wenn gerade keine Zeit für ehrlich bleibt, kauf mir Dinge, die mir Zeit sparen, während mir dieselbe Zeit entgleitet. Ich will anders sein, doch nicht so anders, dass mich keiner mehr versteht, will meine Ruhe und bin irritiert, wenn eine Nachricht übersehen wird. Ich hinterfrage Konventionen, solange meine nicht zur Debatte stehen, und erkenne Widersprüche erstaunlich gut, wenn sie bei anderen entstehen. Vielleicht ist Beobachtung auch nur Perspektive mit Distanz, und intellektuelle Überlegenheit manchmal Ignoranz mit Eleganz. Denn wer alles selbstverständlich Geglaubte auseinandernehmen kann, trägt wahrscheinlich selbst genug davon unangetastet mit sich rum. Vielleicht ist das Merkwürdige gar nicht der Widerspruch. Vielleicht ist es, wie schnell Wiederholung aus Widersprüchen Gewohnheiten macht. Wie Gewohnheit Normalität erzeugt. Und Normalität irgendwann keine Begründung mehr braucht. Vielleicht braucht nicht jede Regel einen Aufstand, nicht jede Gewohnheit eine Grundsatzdiskussion. Manches funktioniert gerade deshalb, weil wir nicht jeden Morgen seine Prämissen überprüfen. Aber ab und zu könnte man stehen bleiben. Bei einem Satz. Bei einer Regel. Bei etwas völlig Normalem. Nur eine Sekunde länger als gewöhnlich. Und sich fragen: Warum eigentlich? Manche Dinge ergeben vollkommen Sinn. Bis man darüber nachdenkt.