
Noch lang nicht zu alt Kannten Sie den alten Herren der es nicht lassen konnte? Er war wie besessen davon, immer arbeiten zu müssen. Meine Minni, halt meine bessere Hälfte, sagt zu mir auch des öfteren, du kost ah koa Ruah geben, immer immer arbatst dahin. Ja ja, aber wos, de Hälfte meiner Arbeit ist doch eine Leidenschaft. Der alte Herr, der mit der unersättlichen Gier nach Arbeit, ist ein ganz anderer Fall. Der Herr X., wenn wir den Herrn so nennen, war ja schon um die fünfundsiebzig bis achtundsiebzigeinhalb Jahre alt und ein Insasse eines Altenheimes. Eines dieser schönen, ja es gibt wirklich schöne Altersheime, die heißen dann auch Seniorenpark oder Parkplatz oder so ähnlich. Visavis wo ich wohne ist auch so eine Einrichtung, man kann wirklich sehr behütet seinen Lebensabend zubringen. Der Herr X. konnte es nicht lassen, dem Arbeitsleben nachzuhängen und so wurde dem alten Herren seine größte Leidenschaft, täglich den Stellenmarkt in der Zeitung zu studieren. Da der Herr X. einst studierte, taten es ihm besonders die gehobenen Positionen an. Er genoss es, die schönsten Inserate nicht nur anzustreichen, sondern auch auszuschneiden. Mit Begeisterung erfüllte es den alten Herren, wenn wo stand “reichliche Berufserfahrung erwünscht.” In wahrste Verzückung geriet der Herr X., wenn ein Stellenangebot mit einer Firmenwohnung und einem Firmenwagen garniert dargeboten wurde. Ob Sie es glauben oder nicht, der Opa schrieb in seinem Alter jede Woche mindestens fünf Bewerbungen. Sie spinnen ja, sagte die Zimmernachbarin, wenn Herr X. wieder grinsend seine Post auf `s Zimmer trug und feixte “jetzt geht`s rund, ohne Arbeit ist das Leben doch nichts, ih glab, de datn mi nehmen.” Sie, als Ingenieur verdient ma fei nicht schlecht. Manchmal bewarb sich Herr X. auch telefonisch und als alter Mann mit einer sehr jung wirkenden Stimme errang er sogar einen Termin für eine persönliche Vorstellung. Der Herr X. tanzte fast vor Freude, sein Credo “Arbeiten bis es aus ist” ging fast auf. Einen Tag vor seiner mit Freude entgegengefieberten Vorstellung verstarb er in der Nacht im Schlaf. Mit ein wenig sprachlichen Tricks hatte er es beinah noch geschafft, einen Posten als Ingenieur zu bekommen. Na sicher, der Opa X. hat ein wenig gesponnen, dennoch ist er friedlich gestorben. Über Arbeitgeber, die durchklingen ließen, dass man ab Anfang vierzig schon zum alten Eisen gehöre, sagte Opa X. immer schon, bald liegen wir im selben Grab und da fragt keiner mehr, wer die schönsten und schnellst beweglichen Knochen hatte. Der Herr X. lebt nicht mehr und die Bekannte, die Ingrid, die den Herrn X. immer wieder einmal besuchte, stellte mit Staunen fest, welchen Spleen der Rentner auch hatte und welcher Drang ihn auch trieb, wer dem Opa zuhörte, konnte doch für`s Leben lernen. Ja ja, sagte meine Minni, wos lernst du? Sie meinte mich. Ja, sag ich, na ja als Dichter werde ich mich bewerben bis ich mal tot umfalle und wenn ich was gelernt habe, war`s doch nicht schlecht, oder? Du bist dann der Herr B., aber irgendeinen Spleen hat wohl jeder.

