Ich kenne deine andere Seite. Nicht die, über die alle reden. Nicht die, die Fehler gemacht hat. Nicht die, die auch mich verletzt hat. Ich kenne die leisen Momente, wenn deine Stimme anders wird, wenn keiner zusieht und du plötzlich nicht mehr kämpfen musst. Ich kenne deine Wärme. Hab gesehen, wie du für andere einstehst, obwohl du selbst kaum noch Kraft hast. Wie du jemanden auffängst und danach sagst, es wäre nichts gewesen. Ich sehe, was sie mit dir machen. Wie jedes Wort, jeder Blick, jede Geschichte ein kleines Stück von dir nimmt. Und manchmal frage ich mich, wie viel ein Mensch tragen kann, bevor er selbst vergisst, wer er einmal war. Ich sehe dein Licht, auch wenn du es selbst nicht mehr siehst. Auch wenn die Schatten gerade größer sind als alles, was einmal hell an dir war. Ich sehe dein Licht. Und nein, ich muss nicht vergessen, was du mir angetan hast. Ich muss nicht alles gut finden, um das Gute in dir zu sehen. Beides darf wahr sein. Du hast mich verletzt. Und trotzdem sehe ich dein Licht. Vielleicht ist das das Schwerste: einen Menschen wirklich zu sehen. Nicht nur das, was er uns gegeben hat. Nicht nur das, was er uns genommen hat. Nicht nur seine Fehler. Nicht nur seine Wunden. Sondern den Menschen dazwischen. Mit seiner Angst. Seiner Wut. Seiner Wärme. Seinen verdammten Widersprüchen. Ich kenne diesen Blick von dir, wenn du glaubst, dass niemand merkt, wie müde du bist. Dieses kurze Schweigen, bevor du wieder sagst: Alles gut. Obwohl gar nichts gut ist. Und vielleicht kann ich dich nicht retten. Vielleicht ist das auch gar nicht meine Aufgabe. Aber ich kann dir sagen, was ich noch sehe. Ich sehe dein Licht, auch wenn du es selbst nicht mehr siehst. Auch wenn die Schatten gerade größer sind als alles, was einmal hell an dir war. Ich sehe dein Licht. Und nein, ich mache aus deinen Fehlern keine schönen Geschichten. Was wehgetan hat, hat wehgetan. Was zerbrochen ist, bleibt ein Teil von uns. Aber ich werde dich nicht auf deine dunkelsten Stunden reduzieren. Denn ich war da. Ich hab auch die andere Seite gesehen. Die verletzliche. Die warme. Die, die für andere aufsteht. Die mehr fühlt, als sie jemals zeigen würde. Und vielleicht hasse ich manches, was zwischen uns passiert ist. Vielleicht werde ich manches nie verstehen. Aber das kann nicht auslöschen, was ich von dir weiß. Ich sehe dein Licht. Ich sehe es noch. Unter all dem Lärm. Unter all den Fehlern. Unter allem, was passiert ist. Ich sehe dein Licht. Und vielleicht reicht es nicht, um alles wieder gut zu machen. Vielleicht soll es das auch gar nicht. Aber wenn du irgendwann glaubst, da wäre nichts Gutes mehr in dir, dann glaub mir wenigstens das: Ich habe es gesehen. Ich sehe es noch. Dein Licht.