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Doktor der Plagiatswissenschaften

Mephistopheles im Plagiatsbüro Eine Szene, die sich in keinem Faust-Manuskript fand PROLOG (Studierzimmer. Nicht Fausts. Ein modernes, mit Monitoren vollgestelltes Kabinett. An der Wand hängt kein Kruzifix, sondern eine Urkunde: »Doktor der Plagiatswissenschaften«. MEPHISTO tritt auf, im Tweedsakko, eine Suchmaschine unterm Arm.) MEPHISTO: Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht – denn was auch scheint, Daß einer ehrlich es gemeint: Ich find’ die Stelle, die er leimt. Ihr kennt mich wohl, den alten Jäger, Nicht Bär und Hirsch sind meine Beut’ – Ich jage Doktorn! Titelträger! Professorn sind mir höchste Freud’. Wo einer schrieb in langen Nächten, Da schleich ich hin mit spitzem Blick Und prüfe, ob in fremden Flechten Sich birgt ein abgeschriebnes Stück. Ein Komma hier, ein Satz von drüben, Ein Halbgedanke, nicht verbürgt – Schon hab ich’s schwarz auf weiß geschrieben: Daß man den Doktor ihm entwürgt! DIE JAGD MEPHISTO (an seinem Rechner, fieberhaft suchend): Da! Eine Fußnote vergessen! Dort! Anführungszeichen fehlt! Ich kann mich gar nicht satt dran fressen – Der Stümper hat sich selbst gequält. Zwar steht der Sinn ganz klar daneben, Zwar ist die Quelle wohl bekannt – Doch Sinn und Inhalt? Nicht mein Leben! Mir gilt die Form, nicht der Verstand. Das Abendland wird untergehen, Wenn einer mal vergißt, zu zitiern! Die Wissenschaft, sie wird verwehen! – Wer glaubt mir das? Man muß es forciern. FAMULUS (zaghaft eintretend): Herr Doktor, darf ich Euch was fragen? Hat Goethe nicht in Straßburg auch – MEPHISTO (auffahrend): Schweig! Willst du meinen Ruf mir schlagen? Der Goethe! Pah! Ein andrer Brauch! Wer groß ist, dem verzeiht die Nachwelt, Wer klein ist, den durchsieb’ ich fein. Den Schwachen trifft des Jägers Kaltzeit – Der Löwe jagt kein Löwlein. Und überhaupt: Wer wollt’ es wagen, Den Dichterfürsten anzugehn? Da würde man mir Kränze schlagen? – Nein: Kleine Leute, die sind schön! SELBSTERKENNTNIS (FAST) MEPHISTO (allein, nachdenklich werdend): Zuweilen, spät, in dunklen Stunden, Wenn niemand schaut und niemand liest, Hab ich in mir ein Wort gefunden, Das mich beschämt – daß ich’s vergieß’: Ich war einmal ein junger Forscher, Ich liebte Wahrheit, liebte Geist – Doch dann, dann ward ich zum Erforschter: Man fand ein Komma, das entgleist. Seitdem – oh Rache, süße Rache! – Seitdem geb’ ich dem Weltgericht Mich hin als Hüter jeder Sache, Die nach Fußnote riecht und sticht. Denn wer mir nahm, was mir gehörte – Den Stolz, den Titel, meinen Rang – Dem zahl ich’s heim! Der ganze Wert der Gelehrsamkeit ist Untergang! (Er springt auf, die Melancholie abschüttelnd.) Genug! Genug der weichen Töne! Ich bin Mephisto, Plagiatsheld! Mir huldigt eine ganze Szene Von Bloggern und von Medienwelt. EPILOG (Der HERR tritt auf, in Gestalt eines emeritierten Ordinarius.) DER HERR: Mein alter Freund, ich seh dich gerne, Du bist der seltsamste Gesell. Du suchst den Splitter in der Ferne Und trägst den Balken im Bordell. Doch sei’s drum – jeder braucht den Narren, Der mahnt, wo Schlamperei regiert. Nur hüte dich, allein zu starren Auf das, was Buchstab’ diktiert. Denn Geist weht, wo er will, mein Lieber, Und nicht, wo dein Programm ihn sucht. Der Goethe schrieb auch manchmal trüber – Und brachte dennoch goldne Frucht. MEPHISTO (im Abgehen): Ich geh! Ich geh! Doch unterschätze Mich keiner, der im Glashaus haust! Ich bin der Prüfstein der Gesetze – DER HERR (leise, für sich): Du bist ein Pudel. Nicht ein Faust.

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