
Noch einmal raus, noch einmal bisschen drüber, noch einmal nicht nach Hause, noch einmal größer als vernünftig. So fing’s an. Wie immer eigentlich. Nur dass das „wie immer“ diesmal schon nicht mehr ganz gestimmt hat. Noch Rest in den Adern von den letzten vier Geschichten, noch zu wach, um schon zu raffen, dass sich Maßstäbe verschieben, noch so breit in unserm Lachen, dass wir jeden kleinen Schaden mit ’nem Schulterzucken decken und ihn Kunst statt Warnung schimpfen. Alles wirkte kurz erreichbar, jede Grenze bloß Kulisse, jeder Abend eine Fläche, auf die man noch schnell Bedeutung sprüht, und die Schritte hatten Schwung, weil in der alten Form der Dinge selbst ein Fehler manchmal besser als ein sauberer Entschluss verglüht. Noch dieser hungernde Gedanke: heut gehört uns diese Runde, heut wird nichts erklärt, heut wird nur getrieben und nicht nachgedacht, denn wenn man lang genug im Takt bleibt, klingt sogar das eigene Chaos für ein paar gestohlene Sekunden wie ein Heimweg durch die Nacht. Und ich nahm das für die Wahrheit, für die Art, wie wir nun mal sind, für das alte gute „passt schon“, das schon oft genug funktioniert, weil man das, was einen später trifft, im Spaß noch leichter tragen kann, solange alles um dich rum noch nach vertrauter Unschuld friert. Es war noch nah an diesem alten Übermut, noch nah an diesem „wird schon gehen“, noch klang das alles wie ein Film, in dem wir selber weiterlaufen und uns größer sehen. Doch irgendwo im gleichen Bild, im gleichen Takt, im gleichen Licht der viel zu späten Stunden lag schon ein Fehler in der Welt, nur fein genug, dass wir ihn erst im Weitergehen gefunden. Dann fiel mir auf, dass kleine Dinge sich nicht mehr an früher hielten, dass ein Satz von eben anders in mir ankam, als er sollte, dass dieselbe Straße zwar noch dieselbe war, mir aber ihren Sinn verrückte, als ob sie mich noch kennt und trotzdem anders kennen wollte. Nicht plakativ, nicht mit Getöse, eher wie ein kaum bemerkter Fehler, wenn beim Wiederholen eines Traums ein Detail zu viel verrutscht, du siehst den Rahmen, hörst die Sprache, trägst die gleichen Schuhe weiter, aber irgendwas in dir begreift, dass du schon leicht hinüberrutschst. Und genau da wurde es stiller, nicht um mich herum, mehr innen, als ob zwischen jedem Pulsschlag noch ein zweiter Abstand liegt, und ich fragte nicht aus Panik, eher wie ein Mensch, der merkt, dass eine Wahrheit manchmal ohne Knall, nur durch Verschiebung in dich kriecht: Wo bin ich grad, wenn Ort und Stunde stimmen, aber ihre Wirkung kippt und selbst Vertrautes seine alte Eindeutigkeit verliert? Wer bin ich jetzt, wenn meine Stimme weiter meine bleibt, doch ihre Farbe plötzlich klingt, als ob sie aus ’ner Nachbarwelt zu mir passiert? Gleicher Abend ... gleicher Atem ... gleicher Rest von diesem Flug ... nur die Welt steht jetzt knapp anders unter mir Warte ... nicht falsch nur verschoben Als hätte uns dieselbe Nacht in einer andern Version wieder ausgespuckt Es war noch nah an diesem alten Übermut, doch nicht mehr nah genug zum Bleiben, denn plötzlich hatten selbst die Witze einen Nachhall, der sich schwerer anfühlt zwischen meinen Seiten. Ich lief noch weiter, doch ich merkte, dass das Leichte seine Unschuld und sein müheloses Tragen langsam verliert, weil nicht die Nacht sich ganz verändert hat - nur ich in ihr und wie die Welt mich ab jetzt wieder spiegelt, wenn sie mich berührt. Vielleicht ist das der Schnitt, nicht groß, nicht heldenhaft, nicht würdig für Legenden, eher so, wie Wirklichkeit die Maske von sich zieht, wenn man zu lang im gleichen Muster tanzt und plötzlich merkt, dass selbst die Flucht dich nur so weit beschützt, wie sie dich nicht verrät und nicht verbiegt. Vielleicht war das davor nicht falsch, nur leichter zu ertragen, weil die alte Welt uns vieles mit Bewegung übermalt, doch wenn der Lack von diesem Zustand langsam von den Dingen fällt, bleibt übrig, was dich wirklich meint und was von dir im Kern noch Haltu.... und.?

