
Klopf, klopf. Vibe, du wolltest meine Reime. Jetzt hör ich deinen neuen Track und ein paar davon kenn ich, denn es sind meine. Du konntest wohl nicht warten. Du wohnst im Chaos, die Wände sind bunt, dein Kopf ein Hurricane, ganz ohne Grund. Ganz ohne Grund? Vielleicht ohne Absicht, vielleicht ohne Plan. Doch nur weil du nicht weißt, wohin etwas zieht, heißt das nicht, dass nichts dahinterliegt. Fängt ja gut an. Du wirfst mir Ordnung vor und ordnest die Ausbrüche, setzt sie auf zweiundneunzig, lässt sie laufen, lässt sie ausbrechen, lässt den Beat fallen, zurückkommen, Stimmen wechseln, setzt jeden Bruch dahin, wo du ihn haben willst. Intro, Verse, Pre Chorus, Chorus, Bridge und Outro. Dein Chaos darf Chaos sein und trotzdem Form bekommen. Du nennst meinen Takt ein Korsett, willst aus den Schienen fliegen, und selbst wenn bei dir alles kippt, entscheidest du noch, wie es fällt. Vibe, dein Chaos trägt Maßanfertigung. Kein Vorwurf. Steht dir ziemlich gut. Vielleicht liegt zwischen uns weniger Abstand, als du vermutest. Du lässt deins nach Chaos klingen, meins klingt nach Struktur, bei dir sieht man den Rohbau, bei mir verschwinden die Spuren. Doch wir greifen beide ein, bevor das Ding nach draußen geht, du hörst nur, was noch steht, wenn sich der Staub gelegt hat. Und dann wird es interessant. Du wolltest meine Reime. Jetzt stehen meine Wörter mitten in deinen. Bedeutungsverschiebungen, Betonungsverdichtungen, Gedankenverbindungen, Klangübereinstimmungen, Artikulationsmuster, Überinterpretation. Vibe, ich musste grinsen. Erst willst du meine Reime stehlen, dann sparst du dir den Einbruch, gehst durch meine Songs und trägst sie einfach vorne raus. Ist schon okay. Sie stehen dir. Nur verwechsel das Werkzeug nicht mit der Hand, die es führt. Ein langes Wort macht keinen Gedanken tiefer, Dichte allein macht keinen Gedanken klüger. Präzision wird nicht klinisch, nur weil jedes Wort sitzt, solang zwischen den Zeilen genug Bewegung ist. Du siehst Perfektion. Ich kenne nur perfektionieren. Also gut. Ein Gedanke biegt ab und der nächste geht mit, einer bleibt einen Schritt zurück, bis der nächste ihn trifft, einer kommt von der Seite, nimmt unterwegs etwas mit, was eben noch einzeln herumlag, ergibt plötzlich ein Bild. Sieht weniger ordentlich aus, als es ist. Zähl nach. Du willst meine innere Stimme, damit mein Gehirn mal im Chaos erwacht. Zu spät. Das Chaos schläft nicht. Es springt, spricht, schiebt sich dazwischen, zieht Gedanken weiter, bevor der vorige fertig ist. Da drängt was raus, bleibt hängen, grätscht mitten rein, zieht drei andere hinterher und plötzlich ergibt irgendwas Sinn. Ich hielt das lange für ein kleines Biest, hab gezogen, geschoben, gehalten, bis ich selber nicht mehr wusste, ob ich gerade Ruhe schaffe oder nur noch dagegenhalte. Wollte Halt, wenn alles sprang, wollte Stille, wenn es laut war, bis ich merkte, dass ich dabei vor allem mit mir selber rang. Du lässt deins tanzen. Ich hab meins irgendwann an die Hand genommen. Nicht gezähmt, nicht besiegt, nicht auf Linie gebracht. Nur aufgehört, gegen jeden seiner Schritte anzugehen. Seitdem darf es springen, darf ziehen, darf kommen und gehen, ich muss nicht allem folgen, nur weil es gerade in mir entsteht. Es darf Lärm machen, ohne dass jeder Lärm gleich Wahrheit spricht. Ich hör hin, geh ein Stück mit und entscheide mich. Vielleicht ist das, was du linear nennst, gar nicht das Gegenteil von Chaos, sondern meine Art, darin nicht verloren zu gehen. Und jetzt willst du meinen Takt aus den Schienen werfen. Mach. Fünf Viertel haben ein Maß. Sieben Achtel auch. Du suchst den Schwerpunkt hier, ich setz ihn ein Stück weiter, du wartest auf den nächsten Schritt, ich komm einen Tick später rein. Beim ersten Mal zieht manches quer durchs Ohr und wieder raus, beim zweiten bleibt was hängen, beim dritten gehst du schon mit. Was eben noch nach Stolpern klang, bekommt auf einmal Zug. Nicht weil es plötzlich Ordnung hat. Weil sie vorher schon drin war. Vielleicht ist das ohnehin unser Spiel. Du wirfst mir Chaos hin, ich greif es auf und mach damit weiter, du nimmst es auseinander und setzt deins mit hinein. Meine Wörter stehen zwischen deinen, deine längst zwischen meinen, bis kaum noch sauber zu trennen ist, was wo seinen Anfang nahm. Und dann stellst du uns auf einen Thron. Behalte ihn. Nicht böse gemeint. Ich sitz nur ungern über Menschen. Stell zwei Stühle hin. Dann können wir weiterstreiten. Zwischen deinem Chaos und meiner angeblichen Perfektion passiert längst mehr als die Frage, wer hier wen besiegt. Du hast meine Zeilen genommen und etwas Eigenes daraus gebaut. Ich hab deine genommen und mache gerade dasselbe. Und ich soll dein Echo sein? Schwierig. Ein Echo antwortet nicht. Du schon. Ich jetzt auch. Und falls du noch Reime brauchst klopf ruhig noch mal.

