
**Der Junge aus Zabo
[TITEL] DER JUNGE AUS ZABO [VERSE 1] Was wurde eigentlich aus dem Jungen aus Zabo? Kein Baum war zu hoch. Kein Zaun zu breit. Kein Abenteuer zu verrückt. Ich war überzeugt, dass mir überhaupt nichts passieren kann. Und beim Essen hatte ich damals meinen ganz eigenen Platz. Mein Töpfchen. Direkt am Esstisch. Kein Witz. Wenn es an der Tür klingelte, war für mich nur eine Sache wichtig: „Haben wir schon gegessen?“ Wenn meine Mutter sagte: „Ja.“ war die Welt in Ordnung. Dann konnten die Leute ruhig reinkommen. Denn in meinem Kopf war vollkommen klar: Wer nach dem Essen kommt, kann uns wenigstens nichts mehr wegfuttern. Während ich... mitten am Esstisch auf meinem Töpfchen saß. Damals hatte das Leben noch ziemlich einfache Regeln. [PRE-HOOK] Und wenn ich heute durch die alten Straßen lauf, seh ich ihn manchmal noch. Den Jungen von damals. [HOOK] Manchmal seh ich ihn noch rennen, den Jungen aus Zabo. Mit aufgeschlagenen Knien und tausend Plänen im Kopf. Er dachte, die Welt wär riesengroß. Und irgendwie hatte er recht. Denn obwohl die Jahre fliegen und so viel passiert, lebt er noch immer irgendwo in mir. Der Junge aus Zabo. [VERSE 2] Einmal hatten wir's übertrieben. So richtig. Meine Mutter stand plötzlich da. Links eine Flasche Wasser. Rechts eine Flasche Wasser. Und ehe wir überhaupt kapiert hatten, was passiert, liefen uns zwei Sturzbäche gleichzeitig übers Gesicht. Wir standen einfach da. Komplett bedient. Und die Familie lacht heute noch darüber. Und mein erster Zungenkuss? Na ja... sagen wir mal so: Romantisch angefangen. Katastrophal beendet. Zehn Minuten später hab ich mich übergeben. Seitdem sind über zwanzig Jahre vergangen. Meine Freunde finden's immer noch lustig. Manche Geschichten altern eben besser als die Menschen darin. [PRE-HOOK] Früher war mir nichts zu hoch. Heute... sieht die Sache ein bisschen anders aus. [HOOK] Manchmal seh ich ihn noch rennen, den Jungen aus Zabo. Der auf die höchsten Bäume kletterte, als gäb's keine Schwerkraft. Heute hab ich Höhenangst. Und das Leben findet das offenbar wahnsinnig lustig. Denn Leon springt vom Fünfer, als wär's das Normalste der Welt. Und Timo wird wahrscheinlich irgendwann hinterherfliegen. Während ich unten stehe und mir denke: Wie konnte ich früher genauso bescheuert sein? [VERSE 3] Und ich hatte damals noch so eine Theorie. Eine ziemlich verrückte. Ich war fest überzeugt, dass ich nur bis achtzehn lebe. Und dann... übernimmt jemand anders. Keine Ahnung, wer. Ein Erwachsener vielleicht. Irgendjemand, der sich mit dem Leben auskennt. Der arbeitet. Rechnungen bezahlt. Formulare versteht. Und immer weiß, was als Nächstes zu tun ist. Ich dachte wirklich, mit achtzehn wär ich weg. Und irgendein anderer macht einfach weiter. Kindischer Gedanke. Aber irgendwie auch schön. Denn heute steh ich manchmal da und denk: Moment mal... Ich bin ja dieser Erwachsene. ... Das hätte mir auch mal jemand früher sagen können. Denn ehrlich gesagt hab ich bis heute nicht immer Ahnung, wie das alles funktioniert. [BRIDGE] Manchmal frag ich mich, wann genau das passiert ist. Wann aus dem Jungen der Papa geworden ist. Wann aus wilden Ideen Verantwortung wurde. Und wann plötzlich die eigenen Kinder mutiger waren als ich. Vielleicht gehört das dazu. Vielleicht soll's genau so sein. Und manchmal denk ich: Der Junge von damals würde sich kaputtlachen, wenn er wüsste, dass ausgerechnet wir jetzt die Erwachsenen sind. Vielleicht würde er fragen: „Und? Hast du inzwischen rausgefunden, wie das Leben funktioniert?“ ... Nicht wirklich. Aber ich hab ein paar ziemlich gute Geschichten gesammelt. [FINAL HOOK] Manchmal seh ich ihn noch rennen, den Jungen aus Zabo. Mit aufgeschlagenen Knien und der ganzen Welt vor sich. Und vielleicht ist er nie verschwunden. Vielleicht hat er sich nur ein bisschen versteckt. Zwischen alten Geschichten. Zwischen Freunden. Zwischen Biergarten und Wahnsinn. Zwischen dem, der ich damals war, und dem, der ich heute bin. Und wenn ich ganz genau hinhör, hör ich ihn manchmal noch lachen. Den Jungen aus Zabo. [OUTRO] Und ganz ehrlich? Falls du mich hörst... lauf ruhig noch ein bisschen weiter. Ich komm nach. Diesmal mit ein bisschen mehr Bauch, ein paar grauen Haaren und deutlich mehr Geschichten. Und vielleicht setzen wir uns irgendwann wieder auf irgendeinen Zaun, schauen in den Himmel und glauben für einen Moment, dass uns überhaupt nichts passieren kann. ... So wie damals. In Zabo.

