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Schattenkind

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V6

Schattenkind Du sitzt am Rand vom Küchentisch, die Hausaufgaben längst gemacht. Im Nebenzimmer wird gesprochen, es war schon wieder eine schwere Nacht. Du wolltest eigentlich erzählen, was heute in der Schule war. Doch Mama sieht so müde aus, du sagst: „Ist nicht so wichtig, Mama.“ Du weißt genau, wann du nicht störst, wann man dich besser warten lässt. Und irgendwann lernst du zu sagen: „Ist schon gut“, auch wenn es nicht so ist. Schattenkind, wer sieht dich an? Wer fragt dich, wie dein Tag begann? Du stehst im Licht der anderen, doch manchmal kommt bei dir nichts an. Schattenkind, du bist doch da, mit allem, was dich glücklich macht. Du brauchst nicht erst ein Problem, damit jemand an dich denkt. Dein Bruder braucht die Hilfe, und du verstehst das ziemlich gut. Du liebst ihn, auch an Tagen, an denen dir das Lieben Mühe macht. Du kennst die vielen Arzttermine, die Pläne und die Therapien. Und manchmal wünschst du dir ganz heimlich, ihr könntet einfach irgendwohin. Du schämst dich für den kleinen Wunsch, dass einmal alles um dich geht. Und keiner sieht, wie schwer es ist, wenn man sich selbst im Wege steht. Schattenkind, wer sieht dich an? Wer fragt dich, wie dein Tag begann? Du stehst im Licht der anderen, doch manchmal kommt bei dir nichts an. Schattenkind, du bist doch da, mit allem, was dich glücklich macht. Du brauchst nicht erst ein Problem, damit jemand an dich denkt. Du darfst auch mal auf deinen Bruder ein bisschen wütend sein. Du darfst die ganze Sache ungerecht finden und ihn trotzdem lieben, wie er ist. Du darfst dich über Kleinigkeiten freuen, die niemand sonst bemerkt. Und du darfst etwas haben wollen, auch wenn gerade keiner Zeit dafür hat. Du bist nicht undankbar, wenn du dir mehr Aufmerksamkeit wünschst. Und nicht weniger verständnisvoll, wenn du manchmal einfach Kind sein willst. Beim Abendessen geht es wieder um morgen und den nächsten Plan. Du hörst die großen Worte fallen, mit denen du noch wenig anfangen kannst. Du räumst die Teller in die Küche, weil Mama gerade telefoniert. Und keiner merkt, dass du seit Tagen von deinem großen Auftritt reden willst. Du stehst am Freitag auf der Bühne, suchst im Publikum nach ihr. Sie hatte fest versprochen, da zu sein, doch heute ging es wieder nicht. Du lächelst für das Klassenfoto, und später sagst du: „War nicht schlimm.“ Dabei hättest du so gern gewusst, ob sie stolz gewesen wäre auf dich. Schattenkind, wer sieht dich an? Wer fragt dich, wie dein Tag begann? Du stehst im Licht der anderen, doch manchmal kommt bei dir nichts an. Schattenkind, du bist doch da, mit allem, was dich glücklich macht. Du brauchst nicht erst ein Problem, damit jemand an dich denkt. Vielleicht sieht Mama deine Stärke und übersieht, was sie dich kostet. Vielleicht denkt Papa, du kommst klar, weil du so selten etwas forderst. Und vielleicht weiß dein Bruder gar nicht, wie oft du schon zurückgesteckt hast. Er hat sich dieses Leben nicht ausgesucht, genauso wenig wie du. Es gibt kein Kind, das daran schuld ist, dass manchmal etwas zu kurz kommt. Und Liebe lässt sich nicht verteilen wie die Stücke von einem Kuchen. Doch Zeit hat manchmal enge Grenzen, und ein Tag nur vierundzwanzig Stunden. Und manchmal bleibt für deine Sorgen erst Platz, wenn alle andern ruhen. Schattenkind, ich seh dich an, und ich frag dich, wie dein Tag begann. Nicht nur, ob du alles schaffst, sondern auch, was dich glücklich macht. Schattenkind, du bist doch da, und dein Leben zählt genauso viel. Du musst nicht immer Rücksicht nehmen, du darfst auch mal im Mittelpunkt stehen. Vielleicht wird nicht gleich alles anders, nicht jeder Wunsch geht in Erfüllung. Doch jemand kann sich zu dir setzen, ohne gleich aufs Handy zu sehen. Kann dir zuhören, wenn du redest, auch wenn es um ganz kleine Dinge geht. Denn manchmal ist für ein Kind das Größte, dass jemand einfach bei ihm bleibt. Du liebst dein Geschwister, das wird sich dadurch nicht verändern. Doch du bist mehr als nur die Schwester, mehr als nur der große Bruder. Du bist ein Kind mit eigenen Träumen, mit deiner Wut und deinem Glück. Und du verdienst nicht weniger Liebe. Du verdienst auch deinen Augenblick.