
Was Bleibt (Finale)
LOUIS Was bleibt, wenn die Stimmen schweigen, wenn sich die Schatten von mir neigen? Was bleibt, wenn jedes Gesicht im Lauf der Jahre langsam zerbricht? Was bleibt von dem, was einmal war? Von jedem Wort, von jedem Jahr? Von jeder Hand, die mich berührte, von jeder Nacht, die mich verführte? Ich dachte einst, die Ewigkeit macht mich von aller Schuld befreit. Doch jeder neue Tag bewies: Man nimmt sich selbst mit, wohin man flieht. LOUIS Ich war ein Mensch, ich war ein Sohn. Ich suchte Liebe, fand nur Hohn. Ich war ein Bruder, war ein Freund, hab Menschen verloren, die ich nicht bereut. Ich war ein Monster, war geliebt. War Täter, war der, der blieb. Und all die Namen, die vergehen, werden in mir weiterbestehen. LOUIS Lestat… Du warst mein Anfang und mein Fall, dein Lachen hör ich überall. Ich wollte fort, ich wollte frei, doch etwas von dir bleibt dabei. Und Claudia… Dein Lachen klingt noch irgendwo, so hell, so wild, so voller „Wieso?“ Du wolltest wachsen, wolltest sein, doch deine Zeit blieb viel zu klein. Du hattest Fragen, viel zu viele. Du hattest Träume, Ziele, Spiele. Und wenn die Nacht dich mir auch nahm, bleibt, dass dein Name bei mir kam. LOUIS Vielleicht gibt es keinen Gott, der jedes Leid versteht. Vielleicht gibt es keinen Himmel, der uns irgendwann erhöht. Vielleicht gibt es keine Antwort, die alle Fragen stillt. Vielleicht ist diese Welt nur das, was man aus ihr bilden will. Doch wenn mir niemand sagen kann, wohin die letzte Reise führt, dann gehe ich den Weg voran, auch wenn mein Herz die Angst noch spürt. LOUIS Was bleibt? Nicht die Ewigkeit. Nicht Macht. Nicht Ruhm. Nicht Unsterblichkeit. Es bleiben Stimmen, es bleiben Namen. Es bleiben Menschen, die einst kamen. Es bleibt ein Lachen in der Nacht. Ein Blick, der mich zum Menschen macht. Ein Wort, das längst vergangen scheint und trotzdem noch in mir vereint. LOUIS Ich kann die Nacht nicht ändern. Ich kann die Toten nicht zurück. Ich kann aus gestern morgen machen, doch nicht aus gestern neues Glück. Ich kann nicht ändern, was geschehen, nicht jede Wunde übersehen. Doch eines kann ich noch entscheiden: Ich werde bleiben. Ich werde schreiten. LOUIS Denn ich bin mehr als meine Schuld, mehr als die Angst, mehr als Geduld. Mehr als das Blut an meinen Händen, mehr als die Nächte ohne Enden. Ich bin die Summe meiner Zeit. Der Schmerz. Die Liebe. Einsamkeit. Und was auch immer von mir bleibt, soll nicht nur sein, was mich entzweit. LOUIS Ich werde mich erinnern! An jeden Namen, jedes Gesicht! Ich werde sie nicht vergessen, nur weil ihre Zeit erlischt! Ich werde tragen, was gewesen, auch wenn es schwer ist, weiterzugehen. Denn vielleicht ist das Verzeihen nicht, die Vergangenheit zu meiden. Vielleicht bedeutet Freiheit nur, trotz allem weiterzugehen. LOUIS Was bleibt? CHOR Was bleibt? LOUIS Ich. CHOR Du. LOUIS Noch immer hier. CHOR Noch immer hier. LOUIS Vielleicht gibt es keinen Gott. Vielleicht gibt es keine Antwort. Doch ich bin noch hier. Und solange ich atme… solange ich mich erinnere… bin ich nicht fort.

