
Maja erwachte tief in einer Blume, warm eingekuschelt zwischen weichen Blütenblättern, und als sie die Augen öffnete, glitzerte über ihr der Morgen, sodass sie sich streckte, vorsichtig einen Tautropfen mit den Vorderbeinchen auffing und sich damit das Gesicht wusch, kühl und frisch, wie ein kleines Morgengebet für den neuen Tag. Draußen war es stürmisch, die Luft bewegte sich wild und unruhig, doch zwischen den Wolken schien die Sonne und ließ alles hell aufleuchten, was den Wind fast freundlich wirken ließ, auch wenn Maja beim ersten Flugversuch sofort merkte, dass heute alles schwieriger war als sonst, denn der Wind schob sie hin und her, zog an ihren Flügeln und zwang sie schließlich zur Landung. Von dort aus sah sie etwas Großes, Schwarzes, das scheinbar mühelos durch die Luft glitt, ein Rabe, der sich vom Sturm tragen ließ, mal kippend, mal aufsteigend, als würde er mit dem Wind spielen, bis er elegant auf einer Leitung landete und ruhig sitzen blieb, als wäre dort oben völlige Stille. Maja schaute kurz, atmete tief durch und hob dann erneut ab, kämpfte sich Flügelschlag für Flügelschlag nach oben, wurde vom Wind zurückgedrückt, fing sich wieder, flog schräg, flog krumm, doch sie gab nicht auf, bis sie schließlich neben dem Raben auf der Leitung landete, etwas außer Atem, aber stolz. Der Rabe drehte langsam den Kopf und sah sie an. “Hallo”, sagte Maja und schüttelte ein wenig den Wind aus ihren Flügeln. Der Rabe blinzelte. “Kra.” “Ich bin Maja”, sagte sie freundlich. “Und du?” Der Rabe legte den Kopf schief. “Kra”, sagte er noch einmal, dann etwas lauter. “Kra.” Maja lachte. “Dann heißt du also Kra. Das passt gut.” Sie saßen einen Moment nebeneinander, der Wind rauschte um sie herum, zog an der Leitung und sang seine wilden Lieder, und Maja schaute hinaus in die bewegte Luft. “Du fliegst so leicht im Sturm”, sagte sie staunend. “Darf ich dich etwas fragen?” “Kra?”, machte der Rabe. “Kannst du mich mitnehmen, einmal durch den Wind, so wie du fliegst?” Der Rabe breitete langsam die Flügel aus, groß und stark. “Kra”, sagte er, diesmal freundlich, fast wie ein Ja. Maja kletterte vorsichtig auf seinen Rücken, hielt sich fest, und im nächsten Moment sprangen sie gemeinsam ab, wurden vom Wind gepackt und getragen, drehten sich, stiegen auf, sanken wieder ab, flogen durch Böen und Wirbel, und Maja lachte laut vor Freude. “Das ist sturmschön”, rief sie, während der Wind um ihre Ohren sang. Langsam wurde der Himmel dunkler, das Licht weicher, und die Sonne verabschiedete sich hinter den Wolken, sodass Kra den Kurs änderte und ruhig, sicher, durch den letzten Sturm hinunter zur Wiese flog, wo er Maja sanft absetzte. “Vielen Dank”, sagte Maja leise. Sie wickelte sich in ein großes Blütenblatt, kuschelig und warm, schaute noch einmal nach oben und flüsterte. “Gute Nacht, Kra.” Der Rabe erhob sich, flog zurück zur Leitung und rief noch einmal laut in die Dunkelheit. “Kra Kra.” Dann wurde es still, und Maja schlief ein.

