
Iemer Mehre - Walther von der Vogelweide [STTZ Poetry Club]
Ihr wisst ja wahrscheinlich, dass ich ein Fable für mittelalterliche Sprachen habe, drum habe ich für dieses Event mal wieder etwas entsprechendes rausgesucht. Als ich bei meinem Recherchen Walthers Zeile „Ist mir mîn leben getroumet, oder ist ez wâr?“ las, hat mich die existenzielle Wucht dieser 800 Jahre alten Frage sofort tief berührt: Dieses plötzliche Erwachen, das Gefühl, wie ein Traum durch die eigene Jugend geglitten zu sein und sich in einer veränderten Welt fremd zu fühlen, ist über alle Epochen hinweg schmerzhaft zeitlos. Obwohl ich erst Mitte 40 bin, überkommt mich manchmal dieses Gefühl "alt" geworden zu sein und dass meine Vergangenheit sich manchmal wie ein Traum anfühlt, der viel zu schnell zu Ende geht. Das Gedicht habe ich etwas kürzen müssen, die meisten Zeilen sind aber originalgetreu wiedergegeben. -- Dichter: Walther von der Vogelweide (ca. 1170 – ca. 1230) Originalquelle: Codex Manesse (Große Heidelberger Liederhandschrift, Cod. Pal. germ. 848, Folio 144vb) Link: https://poesie-oase.de/gedichte/owe-war-sint-verswunden-alliu-miniu-jar/ -- [Intro] [Verse 1] Daz ich ie wânde daz iht wære, was daz iht? { Das, wovon ich je glaubte, dass es etwas wäre – war das echt? } dar nâch hân ich geslâfen und enweiz es niht. { Danach habe ich geschlafen und wusste es nicht. } nû bin ich erwachet, und ist mir unbekant { Nun bin ich erwacht, und mir ist unbekannt, } daz mir hie vor was kündic als mîn ander hant. { was mir zuvor so vertraut war wie meine andere Hand. } liut unde lant, dârinne ich von kinde bin erzogen, { Die Leute und das Land, worin ich von Kindheit an aufwuchs, } die sint mir worden vremde, reht als ez sî gelogen. { die sind mir fremd geworden, gerade als sei alles gelogen gewesen. } [Pre-Chorus] die mîne gespilen wâren, die sint træge unt alt, { Die einst meine Spielgefährten waren, die sind nun träge und alt, } daz velt ist unbereitet, verhouwen ist der walt: { das Feld ist unbestellt, abgeholzt ist der Wald: } wan daz daz wazzer vliuzet als ez wîlent vlôz, { wenn das Wasser fließet, wie es einst floss, } vür wâr mîn ungelücke wânde ich wurde grôz. { glaube ich fürwahr, dass mein Unglück groß wurde. } [Chorus] Owê, war sint verswunden alliu mîniu jâr! { O weh, wohin sind all meine Jahre verschwunden! } ist mir mîn leben getroumet, oder ist ez wâr? { Habe ich mein Leben nur geträumt, oder ist es wahr gewesen? } entvallen ist maneger wünneclîcher tac, { Entschwunden ist mancher wonnevolle Tag, } als in daz tiefe mer ein slac! { so wie ein Schlag ins tiefe Meer! } (Owê...) Iemer mêre, iemer mêre owê. { (O weh...) Immer wieder, immer wieder o weh. } (Owê...) Iemer mêre owê. { (O weh...) Immer wieder o weh. } [Verse 2] Owê wie jæmerlîche junge liute tuont, { O weh, wie jämmerlich sich die jungen Leute verhalten, } den ê vil hovelîchen ir gemüete stuont! { deren Sinn früher so edel und höfisch gestimmt war! } der jugende tanzen, singen zergât mit sorgen gar: { Das Tanzen und Singen der Jugend vergeht ganz in Sorgen: } nie kein kristenman gesach sô jæmerlîche schar. { Nie hat ein Christenmensch eine so jämmerliche Schar gesehen. } uns sint unsenfte brieve her von Rôme komen, { Uns sind harte, bedrückende Briefe aus Rom gekommen, } uns ist erloubet trûren und vreude gar benomen! { uns ist Trauern erlaubt und alle Freude gänzlich genommen! } daz müet mich inneclîchen: wir lebeten ie vil wol, { Das bekümmert mich im Innersten: Wir lebten einst so herrlich, } daz ich nû für mîn lachen weinen kiesen sol. { dass ich nun statt meines Lachens das Weinen wählen soll. } [Chorus] Owê, war sint verswunden alliu mîniu jâr! { O weh, wohin sind all meine Jahre verschwunden! } ist mir mîn leben getroumet, oder ist ez wâr? { Habe ich mein Leben nur geträumt, oder ist es wahr gewesen? } entvallen ist maneger wünneclîcher tac, { Entschwunden ist mancher wonnevolle Tag, } als in daz tiefe mer ein slac! { so wie ein Schlag ins tiefe Meer! } (Owê...) Iemer mêre, iemer mêre owê. { (O weh...) Immer wieder, immer wieder o weh. } (Owê...) Iemer mêre owê. { (O weh...) Immer wieder o weh. } [Bridge] Ich sihe die bittern gallen in dem honege sweben: { Ich sehe die bittere Galle im Honig schwimmen: } diu werlt ist ûzen schœne, wîz, grüene unde rôt, { Die Welt ist von außen schön – weiß, grün und rot, } und innân vinsterre varwe, vinster sam der tôt! { und im Inneren von dunkler Farbe, finster wie der Tod! } dar an gedenkent, ritter: ez ist iuwer dinc! { Daran denkt, ihr Ritter: Es ist eure Sache! } ir traget die liehten helme und manegen herten rinc... { Ihr tragt die lichten Helme und manch hartes Kettenhemd... } ich wolte sælden krône êweclîchen tragen: { Ich wollte die Krone der ewigen Seligkeit tragen: } die mohte ein soldenære mit sîme sper bejagen. { Die konnte ein Krieger mit seinem Speer erstreiten. } [Instrumental Interlude] [Climax] Möht ich die lieben reise gevarn über sê, { Könnte ich doch die geliebte Fahrt über das Meer antreten, } sô wolte ich denne singen: „WOL!“ { so wollte ich dann singen: „WOHL!“ } und niemêr mêre „owê“... { und nie mehr wieder „o weh“... } [Outro] Niemêr mêre owê... { Nie mehr wieder o weh... } (singen wol...) Niemêr mêre owê... (singen wol... niemêr mêre owê...)

