
Der wirre Gedanke Ballade vom Salzburger Plagiatsjäger, seiner Nacht und seiner dunklen Lust Er hatte gerade den wirren Gedanken so wirr wie sein Geist, der in sittlichen Schranken nie lang sich bewährt, wenn die Nacht ihn umfängt und kein Leerzeichen mehr seine Triebe verdrängt: Dass Männer nicht wagen, die Frau anzusehn, dass Kaffee schon Vorstufe sei zum Vergehn, „Vergewaltigung – virtuell!” schrie der Wicht, und verriet seine Phantasie im Gedicht. Denn wer stets nur sucht, was die anderen treiben, der muss es sich nachts von der Seele schreiben. Er schnüffelt in Schriften, er wühlt im Zitat, er wittert das Plagiat wie der Hund den Verrat, er spreizt sich als Richter, als Henker, als Held doch nachts, wenn kein Spiegel ihm Schmeichelei hält, da glüht in dem Jäger, was niemand soll sehn: die Wollust des Findens, das fiebernd’ Vergehn am Text, den er nackt auf den Tisch sich gelegt, den er wendet und dreht, bis er zitternd sich regt nicht die Wahrheit ist’s, die den Jäger beglückt: Es ist die Entblößung, die ihn entzückt. Die westlichen Frauen, so twittert der Mann, die rührt bald kein Männlicher jemals mehr an! Die Muslime zeugen – Komma sechs! – auf der Welt, doch er, der Dozent, hat sich klüger bestellt: Im Stillen, im Salzburger Hinterkabinett, vervielfältigt er sich, manisch, feucht und adrett Copy – Paste – Copy – Paste – im Takt hat er Tausende seiner selbst eingepackt in Phiolen und Becher, kühl und diskret: der größte Plagiator, der spendet und sät. Was er jagt bei den andern – die Kopie, den Klon betreibt er im Dunkeln seit Jahren davon. So sitzt er bei Nacht, eine Spinne im Netz, der Jäger, dem Fußnoten dienen als Hetz, und sucht in den Werken der anderen Leut’ nach dem, was ihn selber verstört und erfreut: das Doppelte, Gleiche, den Abklatsch, den Schein er jagt es nach außen und meint sich allein. Denn jeder, der richtet mit solchem Furor, hat etwas zu bergen – und trägt es im Rohr. Die Sprache bringt’s an den Tag, so Kraus sprach: Wer andre entkleidet, ist selber schon nackt.
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